Museum und Social Media: ja, nein, vielleicht? Ein Grundsatzartikel

Kann das Museum eigentlich auch ohne das Internet? Natürlich geht das. Jahrzehntelange Kommunikationsarbeit hat sich bewährt und funktioniert bei der klassischen Zielgruppe gut. Flyer zur Auslage, Plakate auf Litfasssäulen, Anzeigen in Zeitschriften, Infopost für Stammbesucher. Alles Werkzeuge der Öffentlichkeitsarbeit, die jene Museumsgäste erreichen, die vor allem nicht online unterwegs sind. So weit so gut. Doch mit einen Blick auf das Buzzword „neue Zielgruppen“ reichen vielleicht die traditionellen Methoden, um Besucher ins Haus zu bekommen nicht mehr aus. Gefragt ist das schon oft proklamierte hybride Kulturmarketing. Nichts neues, aber mit den neuen Technologien doch aufwändiger und diffiziler als bisher gedacht und gemacht.

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Die Vernetzung der Welt im Jahr 2010. Nun ist es 2013.

Studien über den Gebrauch vom Internet, der Smartphone-Nutzung, die Anmeldezahlen bei Facebook, den Kulturkosum im Web,… davon gibt es mehr als genug. So besagt die aktuelle BITKOM-Studie: „Drei Viertel aller Deutschen sind online“. Das ist eine Hausnummer. Alle Studien zusammen veranschaulichen vor allem eins: Internet ist mittlerweile einfach ein Teil unserer Lebensrealität. Punkt. Wer hat nicht schon mal gegooglet, etwas bei Amazon gekauft, eine Email verschickt oder per Whatsapp gechattet, Infos über ein Newsportal aufgesogen, Spiele-Apps auf seine Handy runtergeladen oder sich bei einem Social Network angemeldet? Klar, nicht jeder ist total „auf Social Media“ unterwegs, doch es gibt wenige Menschen, die mit dem Netz gar keine Berührungspunkte haben (spannend dazu das Interview mit Alexandra Gille, die mit 26 noch nie im Internet war). Doch insgesamt hat nahezu jeder Mensch täglich bis regelmäßig Kontaktpunkte mit dem Internet. Punkt.

Da das Interesse im Netz schlussendlich auch über das Netzwerken mit Freunden und Bekannten hinausgeht, stellt für Institutionen und Unternehmen die Aufgabe, etwas im Social Web zu machen. Viele Museen und Ausstellungshäuser sind da bereits sehr aktiv, das Netz ist schon voll Best Practice-Beispielen. Von spannenden Facebook-Seiten, beeindruckenden Aktionen vor Ort, schön geschriebenen Blogs, erfolgreichen Partizipationsprojekten, und und und. Doch immer wieder kreist eine Frage – und mit ihr das dunkle Schreckgespenst – im Raum: „Müssen wir eigentlich Social Media machen und bringt das überhaupt etwas?“. Was sind eigentlich die größten Synergieeffekte, die ein Museum mit Aktivitäten im Social Web produzieren kann? Was kann mit Blog, Facebook, Tiwtter, Instagram, YouTube und Co. eigentlich wie erreicht werden? Um diese Fragen dreht sich immer wieder – egal ob 2010 oder auch 2013 – die Entscheidung pro oder kontra Social Media.

Um (noch einmal) das Ganze zusammenzufassen – wie ich es bereits bei zahlreichen Workshops, Vorträgen, Artikeln und Gesprächen getan habe – dient dieser Blogbeitrag, den ich in Zukunft gerne immer wieder zum Erklären, Darstellen, Aufzeigen und Überzeugen verlinken und weiterleiten werde.

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Eine Philosophie des Social Webs: Teilen macht Spaß (hier: Ausschnitt eines Wahlplakats der Linken)

Was also kann Social Media für ein Museum leisten, schaffen und erreichen? Meine Top 11-Liste

  • Breit gestreute Kommunikation der musealen Inhalte: Neben den klassischen Medienvertretern können nun auch Otto-Normal-Besucher Informationen und Geschichten aus dem Museum aus erster Hand erhalten. Das schafft Nähe zu einander.
  • Aufbau eines erweiterten Multiplikatoren-Netzwerks: Denn wo sich die ersten „Hardcore-Fans“ finden, da ist die Community nicht weit. Influencer, die spannende Inhalte vom Museum im Social Web weiter verteilen, sind nicht nur goldwert, sondern vielmehr die Initiatoren eines „Freundeskreises 2.0“.
  • Das Erreichen neuer Zielgruppen: Die Nutzer von digitalen Medien und Social Media ist eine neue Zielgruppe, auch wenn Sie vielleicht in der Schnittmenge zu anderen klassischen Zielgruppen eines Museums liegen. Dennoch erwarten Sie, dass sich ein Museum den Gewohnheiten der Kulturkonsumenten von heute anpasst.
  • Die Marke im Web aufbauen und stärken: Die Tate Gallery, das MoMA, das NRW-Forum – sie alle sind Marken, die das Internet nutzten um die Marke im Web weiterzudenken, zu stärken und weiter auszubauen. Jedes Museum, das seine Alleinstellungsmerkmale kennt, kann Social Media nutzen, um im Web eine Brand zu werden und so die Aufmerksamkeit der User/Besucher zu erhalten.
  • Content sinnvoll zweitverwerten und zum Meinungsführer werden: Oft schlummern auf den Festplatten und in den Magazinen der Museen wertvolle Inhalte, die sich optimal im Web platzieren lassen. Und noch öfter sind die Museen auf eines oder mehrere Themen spezialisiert. Durch die Kommunikation der Inhalte kann sich das Museum so im Web zum Meinungsführer entwickeln.
  • Das Museum im Internet besser auffindbar machen: Suchmaschinenoptimierung sollte ein wichtiger Bestandteil bei den Überlegungen zu anstehenden Webaktivitäten sein. Google ist auch im Jahr 2013 noch die wichtigste Suchmaschine, auf dessen Ergebnisliste man als Museum weit oben stehen sollte. Social Media kann helfen, diese Auffindbarkeit gezielt zu verbessern.
  • Die Aufmerksamkeit ist die Währung von heute: Und genau deswegen müssen heutzutage vor allem die Museen auffallen – im Offline, aber auch im Online. Mit besonderen Aktionen und herausstechenden Auftritten gilt es, besser zu sein, als die Konkurrenz – egal ob Museum, Erlebniswelt oder Freizeitpark. Es geht immer um die Freizeit der Menschen, in der man sie für einen Besuch im Museum gewinnen möchte.
  • Ambitionierte Besucher an Projekten beteiligen: Was in Museen in der Pädagogik und bei Ausstellungsprojekten Gang und Gebe ist, findet mit Internet neue Dimensionen. Beteiligungsprojekte stehen hier nun für jeden offen – unabhängig von Zeit, Raum und Ort. Und es fängt bei den einfachsten Interaktionen an. Das Social Web steht für den Dialog und Austausch. Der erste Schritt in Richtung Teilhabe und Teilnahme.
  • Mehr Besucher bekommen, mehr Eintrittskarten verkaufen: Und auch das geht mit Maßnahmen im Social Web. Mit gezielten Aktionen für die User (Best Practic-Beispiele gibt es auch hier bereits genug), geschickten Marketing-Aktionen und bereitgestellten Services werden immer mehr Menschen vom Internet ins Museum gelockt und schon jetzt im Internet Eintrittskarten verkauft.
  • Das Museum als Institution zukunftsfähig machen: Die Zukunft ist schon heute und die technische Revolution, die die Menschheit in den letzten 15 Jahren miterlebt hat, hat viele Veränderungen in den Alltag gebracht. Was für viele Menschen heute normal ist, stellt für andere eine Herausforderung da, der es sich zu stellen gilt. Das Internet nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein. Sie ist ein Katalysator für den Fortschritt, aber gleichzeitig bietet sie auch das Werkzeug um auf Augenhöhe zu bleiben.
  • Das Image vom „Museum“ im Allgemeinen verbessern: Viele Menschen assoziieren mit dem Wort „Museum“ Begriffe wie „verstaubt“, „langweilig“, „was für Senioren“,… Im Social Web hat ein jedes Museum die Chance, diesen Gedanken entgegenzuwirken und die Menschen dort vom Gegenteil zu überzeugen. Museen machen Spaß, machen schlau und bieten ein Erlebnis, das es nirgends anders gibt.
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Das Prinzip im Social Web: Gute Inhalte verbreiten sich durch Weiterempfehlung

Ob Maßnahmen erfolgreich sind und Erwartungen erfüllt werden können, entscheiden vor allem die Zielsetzungen. Ohne KPIs geht es heutzutage nicht, denn wie soll sonst eine Qualitäts- und Erfolgskontrolle stattfinden. Wie viele Interaktionen ruft ein Beitrag auf Twitter hervor, wie stark steigen Fanzahlen auf Facebook, wie viele Blogger und Blogleser bekomme ich ins Museum zu einer Veranstaltung gelockt, wie viele Klicks erhält mein Ausstellungstrailer auf YouTube, wie viele Teilnehmer kann ich für einen Fotowettbewerb begeistern, wie stark ist meine Reichweite im Netz? Die Festlegung der Kennzahlen hilft bei der Messung des Erfolgs, ein Reporting dokumentiert den Erfolg und sollte regelmäßig erstellt, diskutiert und evaluiert werden.

Es geht am Ende NICHT um die komplette Umstellung aller Museumsaktivitäten der Bereiche PR, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Marketing oder gar Kuratorium oder Museumspädagogik auf digitale Technologien. Es geht nicht darum, unbedingt Facebook oder Twitter zu machen, weil man es machen muss als Museum im Jahr 2013. Nein. Es geht schlussendlich darum, dass das Internet als neue Kultur des Kommunizieren verstanden wird. Es geht darum, die Besucher neu kennenzulernen und sie an den Orten im Web abzuholen, wo sie sich aufhalten – egal in welchem Webspace auch immer. Dafür ist es wichtig, das Web als Technologie mit als seinen Werkzeugen zu entdecken. Das Museum ist „King of Content“, es muss sich nur trauen, die Inhalte freizugeben, zu kommunizieren und mit ihnen Lust auf den eigentlichen Besuch vor Ort zu machen.

(Sebastian Hartmann, 2009 -2013)

9 Kommentare

  1. Schöner Blogpost Sebastian. Verdeutlichen würde ich ganz gerne noch einmal, dass die Social Media – Aktivitäten nicht im Internet aufhören müssen. Viele Vermittlungsformate und Ausstellungsformen erlauben heutzutage spielerisch die Integration von Sozialen Medien. So ermöglicht man nicht nur die so zeitgmässe Interaktion innerhalb der Museen, sondern bietet den Kommunikation/PR/Marketing-Abteilung auch tolle Werbemöglichkeiten die Inhalte der Ausstellungen nach aussen zu tragen.

    Ein anderer Punkt, den ich gerne anschneiden möchte ist die Illusion, Social Media sei nur für junge Leute. Klar sind die Sozialen Medien gerade für die Digital Natives eine Selbstverständlichkeit, jedoch verzeichnen wir auf unseren Sozialen Plattformen stolze 30% Silversurfer – Damen und Herren, welche das 55igste Lebensjahr bereits abgeschlossen haben. Gerade deren Feedback über unser Engagement im Social Web ist äusserst positiv. Für die existierende Clientèle also nichts mehr tun zu müssen, ist dementsprechend ebenfalls ein Irrglaube.

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  3. milch_maedchen · · Antworten

    Guter, informativer Post! Wenn auch mit einigen Typos, was mich bei guten Blogs hin und wieder die Wände hoch treibt, weil es nicht nötig ist… „beeidnruckenden Aktionen vor Ort, schön geschriebenen Blogs, erfolgreichen Partizipationsporjekten“

    1. Danke für dein Feedback. Manche Dinge lassen sich im Schreibfluss nicht vermeiden😉

  4. Sehr guter Artikel, der eine ordentliche Grundlage für spezifische Vertiefungen bietet!
    Allerdings sollten unbedingt die ganzen kleinen Fehler aus dem Text – das macht beim Lesen schier wahnsinnig und wirkt fahrig!

    1. Alles klar. Ich gehe noch mal drüber😉

  5. coniferopsida · · Antworten

    Welche Best Practise-Beispiele gibt es denn in Bezug auf den Punkt, dass Museen mittels Social Media-Aktivitäten mehr Besucher für sich gewinnen können? Gibt es quantitative Untersuchungen, die diesen Vorgang nachweisen können.

    1. Solche Evaluierungen finden meist museumsintern statt – zum Beispiel durch Besucherbefragungen. Dazu kommen die expliziten Veranstaltungen, die speziell und ausschließlich via Facebook und Twitter kommuniziert werden. Studien gibt es mittlerweile wohl mehrere. Untersuchungen zum ROI auch, doch nur wenige Museen publizieren dies. Meist sind es die Museen in den USA oder England.

  6. coniferopsida · · Antworten

    Danke für die Antwort.

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