„Museum der Zukunft“: SummerTalk mit Florian Blaschke, (ehem.) Lehmbruck Museum

Eine Ausnahme wollte ich dann doch machen. In meinen SummerTalks spreche ich normalerweise mit Mitarbeitern aus Museen. Klar, beim Thema „Museum der Zukunft“. Doch heut mache ich eine Ausnahme. Ich fand es eine gute Idee, meine Fragen auch an Florian Blaschke, der bis vor kurzem im Lehmbruck Museum Duisburg gearbeitet hat, zu stellen. Mittlerweile arbeitet er als leitender Redakteur für das t3n-Magazin. Aber egal🙂

SH | Hi Florian! Vielen Dank, dass du bei meiner SummerTalk-Reihe mitmachst – obwohl du seit kurzem nicht mehr im Museum tätig bist (Schade! Aber t3n ist auch super :-)). Dennoch glaube ich, dass deine Erfahrungen, Meinungen und Ideen meine kleine Reihe zum „Museum der Zukunft“ sehr bereichern können. Getreu meines bisherigen vorgehen, hier einmal meine 3 Hashtags zu dem, worum es gleich gehen wird: #Museum #besucher #Zukunft. Du bist dran. Bitte einmal 3 Hashtags zu deiner Person!

FB | #trotzendorff, #effzeh und #finnland.

SH | Und das muss auch sein: 3 beschreibende Schlagwörter zu dem Museum, an dem du in den letzten Jahren warst.

FB | #wirliebenunseresammlung, #plastikbar und #iheartruhryork

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Historischer Blick in die Sammlung vom „Lehmbruck Museum“, Quelle: Facebook-Seite des Museums

SH | Was glaubst du ist das Besondere am Lehmbruck Museum. Warum kommen die Besucher, kaufen eine Eintrittskarte, und das immer wieder? Haben die gerade Hashtags damit zu tun?

FB | Sie kamen zumindest in der Zeit, in der ich am LehmbruckMuseum war, genau wegen dieser Schlagworte. Ich glaube, viele Besucher_innen haben die Liebe der Mitarbeiter_innen zum Haus und zur Kunst gespürt, sie haben verstanden, was für einen großartige Sammlung das ist, die da in Duisburg rund um Lehmbrucks Kniende in einem der schönsten Museen der Nachkriegszeit aufgebaut worden ist. Und sie haben bei all den Veranstaltungen – wie etwa der #plastikBAR – gespürt, dass sie uns Spaß machen. Und dieser Spaß, verbunden mit einer echten Liebe zur Stadt und zur Region sowie dem Ziel, „RuhrYork“ zu etwas Besonderem zu machen, hat sich auf die Besucher_innen übertragen. Das LehmbruckMuseum war an vielen Abenden eine echte Alternative zu Kino, Kneipe oder Party.

SH | Und gab es im Lehmbruck Museum für dich ein Lieblingsobjekt für das jeder User, Fan und Follower nach Duisburg reisen sollte. Museumsarbeit steht im unmittelbaren Zusammenhang mit Leidenschaft für die Materie und den Beruf. Da hat man ja schnell ein Skulptur oder ein Bild, dass man besonders mag.

FB | Eigentlich müsste ich jetzt die Kniende von Lehmbruck nennen – sie ist nicht nur das wichtigste Objekt der Sammlung und eine der bedeutendsten Skulpturen des 20. Jahrhunderts, sondern auch Signet des Hauses. Mein persönliches Lieblingsstück aber ist eine ganz kleine, fast unscheinbare Skulptur: Franz Marcs »Panther« von 1908. Nicht nur, wer bei seinem Anblick an Rilke denkt, wird eine unglaubliche Kraft spüren, die in dieser gerade mal zehn Zentimeter großen Arbeit steckt.

SH | Das Lehmbruck Museum habe ich stets als sehr aktives Museum im Social Web wahrgenommen. Welche Bedeutung haben Facebook, Twitter und Co. für das Museum heute?

FB | Trotz Stellenstreichungen betreuen die Mitarbeiter_innen und Ehrenamtler_innen die meisten Kanäle weiter, was mich sehr freut – schließlich haben wir zwei Jahre harte Arbeit in den Aufbau eines Netzwerks gesteckt. Es ist aber auch klar, dass sich zwei volle Stellen, die am Konzept und der Betreuung der Social-Media-Aktivitäten gearbeitet haben, nicht einfach ersetzen lassen. Wer sich schon mal ernsthaft mit Themen wie Monitoring oder Community-Management beschäftigt hat, weiß, wie arbeitsintensiv diese Bereiche sind. Und so freue ich mich zwar über jeden Post und jeden Tweet aus Duisburg, gucke aber auch traurig auf all die Netzwerke, die eben nicht mehr bedient werden können.

SH | Du bist mittlerweile für das t3n-Magazin tätig. Dort geht es vor allem um das „Hier und Jetzt“, aber auch das „Morgen“ von Technologie, Internet, Gadgets, Social Media. Wie schätzt du aktuell die Situation von Museum in diesem Bereich ein. Natürlich mit einem besonderen Blickwinkel auf die deutschen Museen?

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Portrait von Florian Blaschke, Foto von http://www.trotzendorff.de

FB | In Deutschland klafft längst eine riesige Lücke zwischen vielleicht einem dutzend wirklich innovativer Häuser, die nicht nur die bestehenden Möglichkeiten professionell nutzen, sondern auch bereit sind, zu experimentieren und Neues auszuprobieren. Ein Großteil der deutschen Museen aber hat längst den Anschluss verloren – teils aus Angst, etwas falsch zu machen, teils aus Ignoranz. Wenn ich sehe, dass selbst in den Pressestellen großer Häuser Social Media immer noch als Nische und alberne Spielerei betrachtet wird, mache ich mir um die Zukunft solcher Museen echte Sorgen. Es ist in diesem Bereich leider wie in vielen anderen: Beim Blick in die USA, nach Großbritannien oder auch Skandinavien bekommt man das Gefühl, die deutsche Kulturszene sei zu einem Großteil in den 80er Jahren stehen geblieben.

SH | Das Internet raubt dem Museum die BesucherInnen. Was kannst du dagegen halten?

FB | Das Internet raubt den Museen dann Besucher_innen, wenn die Museen im Netz nicht präsent sind. Wenn sie nicht auf sich aufmerksam machen, wenn sie nicht Flagge zeigen, wenn sie nicht genau dort informieren und unterhalten, mit diskutieren und helfen, wo sich ihre Zielgruppen, aber auch neue Zielgruppen aufhalten – in Sozialen Netzwerken etwa. Wenn Museen das tun, ist das Internet das Beste, was ihnen passieren konnte. Die Veranstaltungsreihe #plastikBAR beispielsweise, die im LehmbruckMuseum Donnerstag für Donnerstag bis zu 100 Besucher_innen anlockt, würde ohne das Internet weder existieren noch funktionieren. Das Google Art Project mit seinen unglaublichen technischen Möglichkeiten weckt bei einer Zielgruppe Neugier für Kunst, die ohne solche Projekte noch nicht mal auf die Idee kommen würde, ins Museum zu gehen. Plattformen wie Pinterest schaffen für Museen die Möglichkeit, ohne die Kosten für eine eigene Datenbank Werke öffentlich zu zeigen, die sonst im Depot stehen oder hängen – sie können neugierig machen, und Neugierde ist eine der stärksten Motivationen überhaupt!

SH | Welches Museum beeindruckt dich so sehr mit ihrem „Vorwärtsdenken“ – offline wie online – so dass du dort immer wieder hingehen würdest?

FB | Das British Museum in London. Von der Sammlung über die Vermittlung und die Online-Aktivitäten ist dieses Haus, geprägt von Neil MacGregor, das in meinen Augen beste Museum der Welt. Trotz seines hohen wissenschaftlichen Anspruchs gelingt es MacGregor und seinem Team, Kunst- und Kulturgegenstände so zu erklären und zu beschreiben, dass die Geschichten hinter diesen Objekten lebendig werden. Man muss nur sein Buch »Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten« lesen, um zu begreifen, dass die Vermittlungshürde selbst für schwierigste Themen nicht hoch sein muss. So unterhaltsam, informativ und spannend wie im British Museum sind Kunst und Kultur auch heute noch echte Freizeitalternativen, die es mit jeder Konkurrenz aufnehmen können.

SH | MuseumsbesucherInnen bzw. die Zielgruppen der Museen verändern sich schon heute stark. Auf was kann sich das „Museum der Zukunft“ einstellen, wenn es in den nächsten Jahren gegen andere Freizeit- und Kulturangebote bestehen möchte?

FB | Auf Besucher_innen, die keine Schwächen und Fehler dulden. Wir sind aus allen möglichen und unmöglichen Freizeitbereichen Perfektion gewohnt – dagegen müssen sich Museen behaupten. Eine Beschilderung hat ein gutes Design verdient, die Ausstellungsarchitektur und Hängung hat es verdient, durchdacht zu sein, Saal- und Katalogtexte können dank Smartphone in Sekunden auf Fehler überprüft zu werden. Und: Museen müssen sich auf Besucher_innen einstellen, die es gewohnt sind, unterhalten zu werden. Das sollte nicht die Disneyfizierung der Museen zur Folge haben, Angst vor dem Begriff »Event« aber dürfen Museen im 21. Jahrhundert auch nicht mehr haben.

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Schnappschuss vom Lehmbruck Museum Duisburg (Foto: Sebastian Hartmann)

SH | Disney, gutes Stichwort: Wenn dir der Dschinn aus der Zauberlampe begegnen und zu dir sagen würde: „Florian, ich erfülle dir 3 Wünsche für die Zukunft von Museen/deinem Museum“. Für welche Dinge würdest du dich für dich als ehemaliger Museummitarbeiter, aber auch Besucher von Ausstellungen anderer Museen entscheiden?

FB | Erstens für Politiker_innen und Unternehmen, die begreifen, dass Kulturetats und Fördergelder keine Almosen sind – die Kulturbranche ist ein wichtiger Wirtschaftszweig, der Investitionen verdient hat, keine Klingelbeutelmentalität. Zweitens für Museumsdirektor_innen, die Vertrauen in ihre Mitarbeiter_innen haben und ihnen die Freiheiten lassen, die ihre Aufgaben und ihre Kompetenzen verdient haben. Und drittens für Künstler_innen, die sich nicht damit zufrieden geben, alte Epochen wiederzukäuen und eine Stilverspätung nach der anderen auf den Kunstmarkt zu schmeißen.

SH | Florian, danke, dass du dir die Zeit genommen hast. Und bleibe den Museen treu😉

Florian Blaschke alias »Trotzendorff« ist Jahrgang 79 und gebürtiger Bonner, Pfarrerssohn und Sommerkind. Einem Studium der Kunstgeschichte und Germanistik in Bonn sowie vielen Jahren als freier Journalist folgten ein Volontariat bei der Leipziger Volkszeitung und zwei Jahre als Ressortleiter Medien und Chef vom Dienst beim Nachrichtenportal news.de. Nach Stationen in der Unternehmens-PR, unter anderem als Pressesprecher des LehmbruckMuseums in Duisburg ist er seit März 2013 Redaktionsleiter des Technologie-Magazins t3n.de. Daneben bloggt er auf trotzendorff.de, steht so oft es geht auf der Südtribüne des 1. FC Köln oder trainiert für seinen ersten Marathon. Florian liebt gute Krimis, schottischen Whisky und fast alles an Finnland – vom Design bis zur Natur. Mit 40 wird er nach Helsinki auswandern.

One comment

  1. […] “Ein Großteil der deutschen Museen […] hat längst den Anschluss verloren – teils aus Angst, etwas falsch zu machen, teils aus Ignoranz. Wenn ich sehe, dass selbst in den Pressestellen großer Häuser Social Media immer noch als Nische und alberne Spielerei betrachtet wird, mache ich mir um die Zukunft solcher Museen echte Sorgen.” Florian Blaschke, ehemals Pressesprecher des Duisburger Lehmbruck Museums und heute Redaktionsleiter von t3n.de, im Summer Talk mit Sebastian Hartmann […]

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