„Museum der Zukunft“: SummerTalk mit Werner Lippert, NRW-Forum Düsseldorf

Zum Ausstellungsort brauche ich nicht mehr viel sagen. Für mich DAS Museum der Zukunft. Eine besondere Ausstellungshalle im Herzen des Rheinlands im Ehrenhof Düsseldorf. Das NRW-Forum. Oft von mir besucht, mit klasse Social Media-Aktionen und hervorragenden Ausstellungen. Nun folgend: Ein Gespräch mit Werner Lippert, dem Leiter des NRW-Forums.

SH | Lieber Herr Lippert, ich denke mal, es ist kein Geheimnis, wenn ich verrate, dass ich ein großer Fan Ihres Hauses bin. Ich denke, der Blogbeitrag „The Social Museum #1: Das NRW Forum Düsseldorf“ spricht für sich. Gerade deswegen freue ich mich besonders, dass Sie sich bereit erklärt haben, mir ein paar Frage rund um das Thema „Museum der Zukunft“ zu beantworten. Vielen Dank! Und das, obwohl das NRW-Forum ja streng genommen kein Museum, sondern eine Ausstellungshalle ist. Sie kennen ja meinen Blog, auf dem es um Museen und Social Media geht. Da Sie eines der ersten zwitschernden Kultureinrichtungen waren, ist es für Sie sicher ein Leichtes, wenn ich Sie zu Beginn zum dreifachen Hashtag-Hattrick fordere. Mein Start mit den 3 Schlagwörtern, die uns sicherlich gleich noch begegnen werden: #Museum #Besucher #Zukunft. Nun sind Sie dran – mit 3 Hashtags, mit denen Sie sich als Mensch umschreiben würden.

WL | #Konvergenz #Dialog #Neugier

SH | Da es ja auch um ihr Haus geht: Mit welchen 3 Hashtags würden Sie das NRW-Forum charakterisieren?

WL | Nochmal die gleichen, ich mache da keinen Unterschied: #Konvergenz #Dialog #Neugier

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SH | Wenn es um die Freizeit des Kulturinteressierten geht, gibt es – egal ob heute oder morgen – eine große Konkurrenz zwischen den Museen. Gerade in Ballungsräumen wie in Düsseldorf und anderen Großstädten. Was glauben Sie zieht die Besucher immer wieder in Ihr Haus? Warum kaufen die Menschen beim NRW-Forum eine Eintrittskarte? Sind es vielleicht die von Ihnen genannten Hashtags?

WL | Ja, das hat viel damit zu tun. Zuerst einmal aber ist es, glaube ich, die „Uniqueness“. Vom ersten Tag an haben wir versucht, andere Themen zu behandeln, als die anderen Museen. Mit Themen, die die Menschen HEUTE berühren: Mode, Architektur, Design, Fotografie, Medien, Video etc. Und dann haben wir in der Tat auf unsere Hashtags gesetzt: Konvergenz – das Zusammenwachsen der unterschiedlichen Themen wie Mode & Fotografie, Video & Internet, Design & Kunst. Dann den Dialog – nicht nur im konventionellen Sinne, sondern auch im Sinne von auf die Bedürfnisse der Menschen einzugehen, etwa jeden Freitag bis 24 Uhr zu öffnen (und das von 1999 an). Und die Neugier – immer wieder etwas Überraschendes bieten. Das hat uns viele treue Besucher gebracht.

SH | Menschen, die im Museum arbeiten, stecken sehr viel Leidenschaft, Zeit und Energie in ihre Arbeit. Das ist meine Beobachtung der letzten Jahre in der Branche. Sie leiten eine Ausstellungshalle zu zweit und das – so kommt es bei Außenstehen jedenfalls an – mit sehr viel Liebe zur Materie und Enthusiasmus. Gab es für Sie eine besondere Ausstellung oder einen Moment in der Historie des NRW-Forums, wo Sie sich dachten: Dafür macht man das alles!?

WL | Na ja, da denke ich zuerst an unsere erste Ausstellung „und läuft und läuft und läuft“ … da ist man stolz und glücklich und selber etwas überrascht, dass die Ausstellung überhaupt fertig geworden ist; und dann ist man noch stolzer und glücklicher und überraschter, dass Besucher (und so viele) kommen. Im Laufe der Zeit kamen viele Ausstellungen hinzu. „Dafür macht man das alles“ haben wir tief bewegt gedacht bei den Ausstellungen „Requiem“ mit Fotos aus den Indochina- und Vietnam- Kriegen und bei einer Ausstellung mit Amateurfotos von den Ereignissen von 9/11 – noch nie haben wir so bewegte Besucher gesehen, die miteinander sprachen, die weinten, die erschüttert waren. Unser Gedanke: wenn ein Museum das auslösen kann, dann lohnt sich die Arbeit wirklich.

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SH | Wechseln wir mal das Thema vom realen Ort in die Welt des Internets. Heutzutage kommt auch ein Museum nicht mehr um das Thema digitale Netzkultur herum. Das NRW-Forum ist mit Verlaub gesagt, ein alter Hase auf dem Feld. Homepage und App immer aktuell, Netzwerken mit Facebook und Twitter, Experimente mit Foursquare, Pinterest, Instagram und vielem mehr. Welche Bedeutung haben bzw. hatten diese Webtechnologien für ihr Haus bisher und welche Bedeutung werden sie in naher Zukunft haben?

WL | Na ja, aus unserer Sicht ist es inzwischen „Tagesgeschäft“. Social Media ist Realität. Viele, viele Menschen kommunizieren in und mit den sozialen Netzwerken. Und wir versuchen auch, sie über diesen Weg zu erreichen und mit ihnen zu kommunizieren. Das ist ein großartiger Weg. Auch, um schnelles Feedback zu bekommen. Und es ist ein großartiger Weg, mit neuen Mitteln eine Community rund um ein Haus aufzubauen. Klassische Vereine stoßen inzwischen an ihre Grenzen. Über Social Media hat man als Museum die Alternative, eine neue Form von „Verein“ aufzubauen.

SH | Irgendwie habe ich seit letztem Jahr das Gefühl, dass es immer mehr und immer speziellere Möglichkeiten im Internet gibt. Wenn man da als User nicht mal den Überblick verliert… Wie selektiv muss ein Museum an dieser Stelle sein?

WL | Nun, der User verliert nicht den Überblick, weil er/sie sich auf seine Medien konzentriert. Für den Absender ist es schwierig – er muss (finden wir) eine ganze Reihe von Social Media-Kanälen bedienen um ringsum seine Adressaten zu erreichen. Wir experimentieren gerne. Aber wir machen nicht jeden Hype auf Dauer mit. So gab es bei uns noch kein #TweetUp, obwohl ja sehr viele Museen darauf schwören. Auch unseren MeetUp-Account haben wir wieder geschlossen – es waren auf Dauer einfach zu wenig Leute, die sich zu den dort vereinbarten Zeitpunkten real in den Ausstellungen getroffen haben. Nach den Berichten von Museen aus den USA mit diesem Format hatten wir da mehr erwartet. Das gleiche gilt für Foursquare, wo man mit Listen wunderbare Kunst-Streifzüge (etwa zum Duesseldorf Photo Weekend) initiieren kann – aber auch hier bleibt die Resonanz hinter den Erwartungen zurück. Aber andererseits ist das auch normal, dass man im Social Media-Bereich etwas ausprobiert. Und es fortführt, wenn es sich bewährt. Kommt es beim Publikum nicht an, wird es geschlossen. Denn alle Kanäle, die hier immer wieder neu entstehen, könnte man nur mit einem sehr großen Kraftaufwand richtig betreuen. Deshalb selektieren wir sehr bewusst.

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SH | Am Ende geht es auch immer um Besucherzahlen. Dies ist eines der häufigsten Fragen, die ich z.B. immer bei Vorträgen gestellt bekomme. Was glauben Sie: Werden die Menschen in 5 oder 10 Jahren nicht mehr in ein Museum gehen, nur weil Sie sich im Internet Bilder und andere Kunstwerke anschauen können? Und wie sind da Ihre Erfahrungen mit den Fans und Followern heutzutage?

WL | Nun, wenn das so wäre, gäbe es schon lange keine Museen mehr! Seit es Reproduktionen (zuerst Stiche und Grafiken, später die Fotografie, dann der Druck) gibt, haben wir das, was André Malraux »Das imaginäre Museum« nannte. Und unter dem er ein Archiv von Fotografien mit den unterschiedlichsten Objekten aus den unterschiedlichsten Epochen und Kulturen verstand. Aber es ist immer noch etwas anderes, eine tiefere Erfahrung, Objekte wie z.B. die Mode von Azzedine Alaia (die wir gerade zeigen) real im Museum zu sehen und nicht „nur“ als Abbildung. Die Museen werden sicherlich eine Antwort auf Ihre Frage finden müssen für die Zukunft – Formen der Kontextualisierung oder neue Wege der Präsentation. Wir werden sehen.

SH | Spielen wir noch einmal ein wenig Zeitmaschine. In 5 oder 10 Jahren, da werden Sie sicherlich immer noch ein Museum leiten. Welche Highlights wird es dann dort geben? Und welche Rolle spielt dann das Internet?

WL | Ich werde erst gar nicht versuchen, Ihre Frage zu beantworten. Denn wir haben uns immer auf das eingelassen, was gerade um uns herum geschah. Und so werde ich es auch weiterhin machen. Das macht es spannend. Dazu braucht man Neugier.

SH | Das war doch eine gute Antwort😉 Ein Zukunftsmotor ist die Innovation, die Evolution bestimmt was sich durchsetzt. Inwieweit kann und muss sich das „Museum der Zukunft“ auf neue Dinge einlassen?

WL | Es gibt unterschiedliche Typen von Museen. Für ein Museum, das der Avantgarde gewidmet ist, ist die Innovation die treibende Kraft. Gleich, ob es sich um ein Kunstmuseum oder ein Designmuseum handelt. Für ein Museum, bei dem das Sammeln und Konservieren im Vordergrund steht, ist dies sicherlich kein so treibendes Element.

SH | Mal was anderes: Welches war eigentlich das Museum, dass Sie persönlich am meisten beeindruckt hat und wo Sie auch noch bis ins hohe Alter hingehen werden, um Ausstellungen zu besuchen? (Hier wäre ein Foto mit Ihnen und dem Museum dazu super! – hab ich leider nicht)

WL | Das Museum, das mich am meisten beeindruckt hat, ist die alte Kunsthalle in Düsseldorf in den frühen 60er Jahren, da habe ich die Kunst überhaupt entdeckt, und dann das Städtische Museum in Mönchengladbach, das mich an Beuys und Carl Andre und die wirklich zeitgenössische Kunst herangeführt hat. In beide gehe ich auch heute noch gerne.

SH | Gäbe es den berühmten Dschinn aus der Lampe und er würde Ihnen begegnen: Welche 3 Dinge würden Sie sich persönlich als Kulturschaffender und Besucher für das „Museum der Zukunft“ wünschen?

WL | Erleuchtung! Erleuchtung! Erleuchtung!

SH | Herr Lippert, vielen Dank für 11 Antworten auf 11 Fragen.

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