„Museum der Zukunft“: SummerTalk mit Melanie Redlberger, Osthaus Museum

Das erste richtige Sommerwochenende ist vorbei, Zeit um den SummerTalk in eine neue Runde zu schicken. Das  8 Gespräch zum „Museum der Zukunft“ führte ich mit Melanie Redlberger, die im Osthaus Museum im Hagener Kunstquatier arbeitet. Ich lernte Sie erst im Social Web, und danach auf dem stARTcamp Köln kennen. Ich bin sehr gespannt auf ihre Antworten auf meine Fragen.

SH | Liebe Melanie, ich freue mich sehr, dass du an meiner kleinen Interviewreihe zum „Museum der Zukunft“ mitmachst. Da das Ganze ja ein Beitrag für einen Blog rund um Museum und Social Media und da Hashtags heutzutage nicht nur im Internet, sondern auch im TV oder in der Zeitung an der Tagesordnung sind, möchte ich gerne mit eben solchen beginnen. Genauer, wie auch bei meinen anderen Gesprächspartnern: Mit einem dreifachen Hashtag-Hattrick. Ich habe zuvor auch immer mit den Hashtags den Reigen eröffnet, die uns gleich ein wenig begleiten werden: #Besucher #Zukunft #Museum. Nun bist du dran. Ich möchte gern, dass du dich einmal mit drei Hashtags beschreibst. Unabhängig von deiner Vita am Ende des Interviews

MR | Vielen Dank für die Einladung! Meine Hashtags sind #Kulturnärrin, #Partizipationsbegeisterte und #Diversitygeek 

Und jetzt bitte drei Hashtags zum Museum, in dem du arbeitest (Hier wäre ein Foto
zu einem Hashtag super!)

MR | #Bilderfluss #Jugendstilbau #Organismus 

van de Velde, Brunnenhalle, 1902_ heutiger Zustand_

SH | In einer Welt – egal ob heute oder morgen – gibt es immer und überall Konkurrenz. Auch bei den Museen. Was glaubst du, ist das besondere an deinem Museum? Warum kommen die Menschen und kaufen eine Eintrittskarte? Sind es vielleicht die von dir genannten drei Hashtags?

MR | In meinen Augen ist das Besondere am Osthaus Museum Hagen, dass wir neben unserer Sammlung klassischer Moderne immer wieder mit wechselnden Ausstellung überraschen können. Das ist es, was ich mit #Bilderfluss meinte – mal begegnet man einem zeitgenössischen jungen Künstler mit popkulturellen Bezügen, mal sind es Schwergewichte wie Markus Lüpertz oder Anselm Kiefer, dann wieder ist es am Realismus geschulte Malerei aus Berlin – die Stärke des Hauses liegt im Wechsel. Zugleich ist es natürlich auch der Name Henry van de Velde, der zieht, womit wir beim Hashtag #Jugendstil wären – seine Idee, das Museumsinnere zu einem #Organismus zu gestalten, in dem Quer- und Längstachsen, Säulen und Wandgestaltungen immer neue Verbindungen und Ansichten der ausgestellten Werke erzeugen, machte schon 1902 einen Teil der Faszination des Folkwang Museums aus. Das wurde ja damals in Hagen gegründet, und das ursprüngliche Folkwang-Gebäude bildet heute ungefähr die Hälfte der Ausstellungsfläche des Osthaus Museums. Dass außerdem noch die vollständig erhaltene Jugendstil-Villa des Museumsgründers als Außenstelle des Museums öffentlich zugänglich ist, ist auch nicht grad ein Makel😉. So ist Hagen ein gutes Ziel für Fans des Jugendstils. 

SH | Als Fan der Epoche muss ich unbedingt mal wieder vorbeischauen! Du sag mal, Menschen, die im Museum arbeiten, tun dies ja im Allgemeinen mit sehr viel Leidenschaft und Freude an der Materie. Gibt es für dich im Museum einen Lieblingsobjekt oder Lieblingsort, zu dem du jeden Besucher hinschleifen würdest?

MR | Unser Bildersaal ist eine Klasse für sich – der Raum atmet Geschichte. Zu Osthaus‘ Zeiten war dies ein Bereich großbürgerlicher Repräsentation mit einem reich ausgestatteten Musikzimmer, und es gibt Fotografien, die zeigen, wie in diesem Raum einige Hochkaräter der Folkwang-Sammlung hingen. Heute ist hier unter anderem Kirchners „Künstlergruppe“ von 1913 zu sehen, ein Bild, an das sich sehr gut Fragen nach der Rolle von Kunst und Künstlern in der Gesellschaft anknüpfen lassen. Es ist ein spannender Ausgangspunkt, um die besondere Geschichte des Osthaus Museums als eine Geschichte der Hoffnungen und Erwartungen zu erzählen, die damals an die Kunst herangetragen wurden, und die bis heute ihren Wert in der Gesellschaft mitbestimmen. 

Melanie

SH | Es ist wie es ist. Heutzutage kommt auch ein Museum nicht mehr um das Thema digitale Netzkultur herum. Wir haben uns auf dem stARTcamp ja schon dazu unterhalten. Viel zu groß ist dieses Internet geworden. Oder mal positiv formuliert: Museen können für sich und die Besucher eine Homepage, ein Blog, Facebook, Apps und vieles mehr optimal nutzen. Welchen Stellenwert hat dies alles aktuell und in Zukunft für das Osthaus Museum und für die Institution „Museum“ überhaupt?

MR | Ein Engagement im Social Media-Bereich macht für ein Museum nur dann Sinn, wenn dahinter die Motivation steht, sich auch wirklich auf einen Dialog mit den Besucher einzulassen, und diesen zu fördern. Da liegt für mich die Zukunft. Wer die timeline als Plakatwand versteht, wo immer nur die nächste Führung angekündigt wird, hat das „social“ in Social Media nicht verstanden. Allerdings habe ich da gut reden, für das Osthaus Museum bzw. den Fachbereich Kultur der Stadt Hagen sind die Social Media-Aktivitäten gerade noch in der Phase strategischer Planung, und bisher verfügt das Osthaus Museum nur über die Website www.osthausmuseum.de und einen Newsletter. Für ein Projekt mit Jugendlichen hatten wir auch kurzzeitig einen Tumblr-Blog. Derzeit erarbeite ich das Konzept für den Auftritt des Osthaus Museums sowie des Fachbereichs Kultur, und ein Blog, Facebook und Twitter bekommen zukünftig einen höheren Stellenwert. Vor kurzem konnte dafür ein bestimmtes Kontingent Arbeitszeit freigemacht werden. Nicht zuletzt auch bei den Akteuren der kommunalen Politik in Hagen gibt es ein starkes Bewusstsein dafür, dass die eigenen Kulturinstitutionen Social Media nutzen sollten. Es kann also losgehen!

SH | Wunderbar! Das höre ich gern. Was glaubst du denn, wie sich das Internet, die Social Media-Aktivitäten und der ganzen „Rattenschwanz“ auf die Besucherzahlen, die ja für Museen sehr wichtig sind, in Zukunft auswirken wird? Böse Stimmen behaupten ja, dass die Menschen fern bleiben, weil alles bald im Internet zu sehen sein wird.

MR | Ich bin erstaunt, dass Du diese Frage stellst, lieber Sebastian! Als Neu-Hamburger hast Du ja jetzt die besten Chancen, Dir mal den FC St. Pauli mitten im Fanblock anzusehen – danach fragst Du auch nicht mehr, ob Fußball im Fernsehen den Stadionbesuch ersetzen kann🙂

SH | Ich halte kurz fest: Das ist nicht meine Meinung! Ich finde, du bringst es mit dem Vergleich mehr als auf den Punkt😉

MR | Im Internet ist zum Teil sogar mehr zu sehen als vor dem Original– man denke an Röntgenaufnahmen tief liegender Entwurfszeichnungen bei mittelalterlichen Gemälden, man denke an Hintergrunddaten zur Künstlerbiographie, oder an das direkte Gegenüberstellen desselben Bildmotivs bei verschiedenen Künstlern. All das kann man auch per app, oder sogar per google glass ins Museum mit hinein nehmen. Ich halte diese Argumentation für ein bisschen überängstlich angesichts der ungeheuren Kraft von Originalwerken, der Entdeckerfreude, die eine gut gemachte Ausstellung bieten kann, und den unzähligen Möglichkeiten zum Austausch mit anderen Menschen über das Gesehene, die Museen liefern können.  Letztendlich lenkt die Fragestellung vom eigentlichen Problem ab – die Menschen bleiben nicht deswegen fern, weil sie im Internet Bilder sehen können, sondern weil die Institutionen nicht sexy genug sind. Birgit Mandel hat zusammen mit mir ein ganzes Buch darüber geschrieben, wie man Kulturinstitutionen interkulturell öffnen kann, also ein neues Publikum, das eben keine akademische Laufbahn und keinen bildungsbürgerlichen Hintergrund mitbringt, ansprechen kann. Ob Menschen über eigene oder familiäre Migrationserfahrungen verfügen, ist für Kulturinteresse und Kulturnutzung weniger ausschlaggebend als die Frage der sozialen Schicht und des Bildungsstandes. Eine große Chance liegt darin, partizipativ zu arbeiten, das Wunschpublikum einzubeziehen, und mit Hilfe dieser Erfahrungen den eigenen Programmkanon zu erweitern. Ziel muß es sein, die Lebensrealität breiterer Bevölkerungsschichten stärker zu spiegeln, und das geht nur, wenn man in Dialog tritt mit den Menschen, die man erreichen will. Um diesen Prozess zu begleiten, können das Internet und speziell Social Media hilfreich sein. Aber: das muss alles auch gewollt sein, und zwar nicht aus einem Gefühl von Grossherzigkeit gegenüber „kulturfernen Schichten“ heraus, sondern in der festen Überzeugung, dass das die eigene Arbeit und das eigene Haus spannender, besser, und wichtiger macht. Ich hoffe, dass sich in der Weiterentwicklung von Social Media mehr niedrigschwellige Möglichkeiten für Kulturinteressierte verschiedenster Couleur entstehen, den Institutionen Feedback für ihre Arbeit zu geben. Und ich hoffe, dass sich durch das Internet Best Practice-Beispiele hierfür schneller verbreiten und Mut machen, mehr auszuprobieren. Und dass es in der gemeinsamen Diskussion on- und offline auch immer wieder Stimmen gibt, die klar machen, dass es neben Besucherzahlen noch weitere Qualitätskriterien für gute Museumsarbeit gibt. 

SH | Ich bin optimistisch… Spielen wir doch einmal ein wenig Zeitmaschine. Was werden in 10 Jahren die Highlights im Osthaus Museum und Kunstquartier Hagen sein?

MR | Kurze Antwort: die gleichen wie jetzt. Gute Kunst, atmosphärische Räume, kommunikative Angebote. Wir haben die Chance, in den nächsten zehn Jahren mit vielen Menschen darüber zu sprechen, was wir darunter verstehen wollen. 

SH | Innovation und Evolution ist wichtig um zukunftsfähig zu sein und sich weiter zu entwickeln. Wie weit kann und möchte sich das „Museum der Zukunft“ auf neue Dinge einlassen?

MR | Was Museen tun, steht im Dienst einer Darstellung von Geschichte, sei es Kunstgeschichte, sei es Technikgeschichte – letztendlich sogar dann, wenn sie zeitgenössische Phänomene präsentieren, denn damit schreiben sie diese in einen Erzählstrang von Geschichte ein. Technologische Innovationen und die Weiterentwicklung von Vermittlungsstrategien können dieses Ziel, die Darstellung von Geschichte, stützen. Aber auch, wenn ich Google Glass oder von mir aus die latest gadgets der Raumfahrttechnologie in meinem Museum einsetze, kann ich damit immer noch die gleiche konservative Geschichte von Fortschritt und Wachstum erzählen. Erst wenn die „neuen Dinge“ den Kern des Selbstverständnisses von Museen betreffen, wird es wirklich spannend. Geschichte ist gemacht, und Perspektiven sind immer eingeschränkt. Wenn das „Museum der Zukunft“ technologische und pädagogische Neuerungen zu dem Zweck benutzt, immer wieder die Perspektiven zu erweitern und sich selbst zu hinterfragen, kann es für mehr Menschen relevant werden – und nur dann ist es wirklich ein „Museum der Zukunft“. Kein „kann“, kein „möchte“ – ein Muss!

SH | Ein guter Schlachtruf für die Zukunft🙂 Verrätst du mir einmal, welches eigentlich das Museum ist, dass dich persönlich am meisten beeindruckt hat und wo du auch im Rentenalter noch hingehen wirst? Und vor allem: Warum?

MR | Ein wahnsinnig schwere Frage! Ich glaube, letztendlich bin ich deshalb Museumsfan, weil mich besondere Räume faszinieren – das fing an mit den Dioramen im Naturkundemuseum Braunschweig, wo ich als Kind zum Teil mehrmals wöchentlich vor ausgestopften Füchsen in nachgebauten Stoppelfeldern vor gemalten 3D-Landschaften herumlungerte. Weiter ging es mit dem Sprengel Museum Hannover, wo die Lichträume James Turrells und der Merzbau von Kurt Schwitters mich als Studentin magisch anzogen. Bis heute bin ich Fan von Rauminstallationen, und so ist das Lichtkunstzentrum Unna ein Ort, den ich jedem Menschen, egal ob Kunstkenner oder nicht, heiß empfehlen würde. Aber das einzige Museum, in dem ich schon seit einigen Jahren keine einzige Ausstellung verpassen will, ist das Weltkulturen Museum in Frankfurt am Main – weil es tatsächlich so etwas wie ein Labor ist, und die Systeme „Ethnologie“ und „Kunst“, bzw. neuerdings auch „Design“, immer wieder spannend konfrontiert. Die Disziplinen zu überwinden, die Schubladen zu öffnen, sich den Freiraum zu nehmen, Prozesse anzustoßen und einfach mal zu gucken, was dabei herauskommt – das gefällt mir sehr, und ich hoffe doch, dass sich das in den nächsten 25 Jahren nicht ändert ;-) 

SH | Wenn dir der Dschinn aus der Lampe begegnen würde, welche 3 Dinge würdest du dir persönlich als Mitarbeiter und Besucher für das „Museum der Zukunft wünschen?

MR | 1. Dass der Dschinn zukünftig als Besucherbetreuer arbeitet und die Besucher darin bestärkt, ebenfalls ihre Wünsche zu äußern😉 2. Dass zu jeder Ausstellung ein Museumsmagier oder eine Museumsmagiererin herangezogen wird, damit es viel mehr dieser ganz besonderen, eben magischen Momente gibt, wo die Dinge plötzlich auf unerwartete Weise zusammenkommen, und wo sich das Gesehene mit den eigenen Erfahrungen verbindet, und deshalb die Menschen ganz beflügelt aus den Museen herauskommen. 3.Dass sich Museen und andere Kulturinstitutionen einer Stadt oder einer Region zusammenschließen und gemeinsam ein professionelles Audience Development betreiben, dass weitere Bevölkerungsschichten anspricht und für Kultur begeistert

SH | Melanie, ich danke dir für’s Mitmachen und viel Erfolg für die Zukunft des Museums🙂

Melanie Redlberger studierte Kulturwissenschaften an der Universität Hildesheim, und Kunstgeschichte sowie Germanistik an der Ruhr-Universität Bochum. Nach dem Abschluß als diplomierte Kulturwissenschaftlerin war sie als Kuratorin im Osthaus Museum, dem Kunstmuseum der Stadt Hagen, tätig. Hier baute sie eine umfassende Sammlung historischer Fotografien und Dokumente auf. Seit 2008 ist sie Pressesprecherin des Osthaus Museums mit Verantwortung für Öffentlichkeitsarbeit und das Themenfeld Interkultur. Durch die Teilnahme am Programm „Interkultur Pro- Professionalisierung des interkulturellen Kunst- und Kulturmanagements“, sowie am Jour-Fixe-Interkultur der Kulturabteilung der Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen wächst ein brennendes Interesse an der Öffnungsprozessen kultureller Einrichtungen. Für den Kulturbereich der Stadt Hagen entwickelt sie nach Erwerb des Zertifikats „Social Media Manager“ neue Wege der Besucherbindung. Melanie Redlberger promoviert zum Thema Interkulturelles Audience Development für Kulturinstitutionen mit einem Schwerpunkt auf der Rolle des Kurators bei partizipativen Prozessen.

One comment

  1. […] Einen ganz besonderen Museumsmoment erlebte ich kürzlich in München. Das Deutsche Museum München zeigte in einer Ausstellungsübernahme aus dem Stapferhaus in Lenzburg (Schweiz) die Ausstellung @home. Mit der loungeartigen Atmosphäre und der gesellschaftspolitischen Fragestellung dieser Präsentation ist das Deutsche Museum einen großen Schritt Richtung Zukunft gegangen. Es wurden „Hosts“ beschäftigt, die als „digital natives“ aus erster Hand vom Internet und der digitalen Kommunikation berichten konnten. Mein Host ermöglichte uns bei einer Führung als professioneller Game-Produzent völlig neue Einblicke, ein älterer Herr in unserer Führungsgruppe hatte noch selbst bei Siemens den ersten Rechner ohne Röhren gebaut und Halbleiter eingelötet. Die Fähigkeit, anhand von Objekten Begegnungen quer durch Alters- oder soziale Gruppen zu ermöglichen, und unterschiedlichste Perspektiven auf den gleichen Gegenstand zusammen zu bringen, macht in meinen Augen Museen so wichtig. Austausch und Partizipation sind die Wege zu einem Museum der Zukunft. […]

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