“Museum der Zukunft”: SummerTalk mit Stefanie Kinsky, C/O Berlin

Zum Start in die Woche gibt es auch heute eine Ausgabe des SummerTalks. Dieses mal wieder aus der Bundeshauptstadt. Nach dem Deutschen Currywurst Museum stelle ich meine Fragen zum „Museum der Zukunft“ nun an Stefanie Kinsky, die am C/O Berlin beschäftigt ist. Wie schon bei den Deichtorhallen – kein Museum, sondern eine Ausstellungshalle. Here we go.

SH | Nun bist du dran. Ich möchte gerne, dass du dich einmal mit drei Hashtags beschreibst. Unabhängig von deiner Vita am Ende des Interviews

SK | #neugierig #museumsaffin #auchofflineglücklich

SH | Gute Kombination! Und jetzt bitte drei Hashtags zum Museum bzw. Ausstellungshaus, in dem du arbeitest

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C/O Berlin, Christer-Strömholm-Ausstellung, 2013. Foto © David von Becker

SK | #Fotografie #Leidenschaft #international

SH | In einer Welt – egal ob heute oder morgen – gibt es immer und überall Konkurrenz. Auch bei den Museen. Was glaubst du, ist das besondere an deinem Ausstellungshaus? Warum kommen die Menschen und kaufen eine Eintrittskarte für C/O Berlin? Sind es vielleicht die von dir genannten drei Hashtags?

SK | Ich denke, die drei Hashtags beschreiben die Motivation unserer Besucherinnen und Besucher schon ganz gut. Wir sind nicht nur irgendein Haus, das Fotoausstellungen präsentiert, sondern eine Institution, die in den letzten 13 Jahren mit viel privatem Engagement und mit Leidenschaft gewachsen ist. Wir präsentieren hochkarätige Fotografinnen und Fotografen mit internationalem Ruf. Gleichzeitig blicken wir auch immer über den Tellerrand und suchen nach Positionen, die vielleicht noch nicht überall bekannt sind, aber für die Fotografie eine bedeutende Rolle spielen. Auch der Fotografie-Nachwuchs kommt bei uns nicht zu kurz. Wir fördern ganz gezielt junge Talente. Und diese Mischung kommt bei unseren Besucherinnen und Besuchern eben gut an. Wir zeigen Vielfalt, weil auch die Leute vielfältig sind, die in unsere Ausstellungen kommen. Außerdem konnten wir immer sehr reizvolle Ausstellungsorte bespielen. Zuletzt das Postfuhramt in der Oranienburger Straße und ab 2014 das Amerika Haus in der Nähe des Zoologischen Gartens. C/O Berlin hat von Anfang an Fotografie, Design und Architektur verbunden und über viele Jahre eine starke Marke und Orientierung geschaffen – das macht für viele den Reiz aus. 

SH | Heutzutage kommt auch ein Museum nicht mehr um das Thema digitale Netzkultur herum. Viel zu groß ist dieses Internet geworden. Oder mal positiv formuliert: Museen können für sich und die Besucher eine Homepage, ein Blog, Facebook, Apps und vieles mehr optimal nutzen. Welchen Stellenwert hat dies alles aktuell und in Zukunft für C/O Berlin und für die Institution „Museum“ überhaupt?

SK | Das Internet spielt für uns eine sehr wichtige Rolle. Wir haben kürzlich bei Facebook die 40.000-Fans-Marke geknackt. Für uns ist das ein riesen Kompliment, weil es zeigt, dass viele Menschen sich dafür interessieren, was wir machen und aufmerksam sind – auch gerade jetzt, wo wir noch keine Ausstellung zeigen. Gleichzeitig sagen uns die Reaktionen aus dem Social Web auch, was den Besucherinnen und Besuchern oder Fans gefällt. Wir haben zum Beispiel zur Auszugsparty aus dem Postfuhramt im März 2013 eine ganz tolle Foto-Aktion gemeinsam mit EyeEm – einer Online-Fotocommunity – realisiert. Wir haben damals über 1000 ausgedruckte Handy-Fotos zum Thema „ByeBye“ an eine Wand im Postfuhramt gebracht. Fotobegeisterte aus der ganzen Welt haben sich beteiligt und mit ihren ganz persönlichen Aufnahmen unsere Wand im Postfuhramt gestaltet. Das war sehr beeindruckend! Vor allem als die Gäste am Ende der Party die ausgedruckten Fotos mit nach Haus nehmen konnten. So haben wir in unserem Haus ganz viele Menschen miteinander verbunden, die Fotografie genauso lieben wie wir. Das möchten wir auch in Zukunft tun, weil es für uns genauso wie für die Besucherinnen und Besucher ein besonderer Gewinn ist, wenn wir Themen aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten können. Und genau dafür eigenen sich Facebook und Co. natürlich prima.

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EyeEm-Fotoinstallation im Postfuhramt 2013. Foto: © David von Becker

SH | Die Aktion mit EyeEm klingt ja super! Das muss ich mir noch mal genauer anschauen🙂 Aber sag mal, was glaubst du, wie sich das Internet und der ganze „Rattenschwanz“ auf die Besucherzahlen, die ja für Museen sehr wichtig sind, in Zukunft auswirken wird? Böse Stimmen behaupten ja, dass die Menschen fern bleiben, weil alles bald im Internet zu sehen sein wird.

SK | Das Original wird nie an Bedeutung verlieren und einzigartig bleiben! Wie oft haben wir schon irgendwo eine Reproduktion von der Mona Lisa gesehen? Und im Louvre schieben sich trotzdem noch Massen von Besuchern tagtäglich an diesem Werk vorbei – eben weil das Original noch eine ganz andere Ausstrahlung hat, als eine Reproduktion. Das Internet ist für Museen eine Bereicherung, die sie endlich also solche wahrnehmen sollten. Sie haben hier zum Beispiel die Möglichkeit, hochauflösende Bilder von Kunstwerken oder anderen Exponaten zu zeigen. Online kann ich so nah rangehen, wie das vor Ort nie möglich wäre. Das Internet bietet im Gegensatz zum Museum vor Ort einfach unbegrenzt Raum für all die tollen und wichtigen Inhalte, die einfach aus Platzmangel nicht gezeigt werden können. Ich sehe da keine Konkurrenz, sondern eine wertvolle Ergänzung zu dem, was schon da ist. Wenn Museen da eine Bedrohung sehen, dann sollten sie ernsthaft darüber nachdenken, ob ihre Ausstellungen überhaupt noch attraktiv genug sind. 

SH | Tun wir doch mal so, als könnten wir Zeitreisen. Was werden in 10 Jahren die Highlights bei C/O Berlin sein?

SK | C/O Berlin wird in 10 Jahren noch immer am Puls der Zeit sein und mitbestimmen, wie wir Fotografie wahrnehmen. Wir werden in Berlin in Nachbarschaft zum Museum für Fotografie und der Helmut Newton Stiftung einen lebendigen Ort für Fotografiebegeisterte bieten. Die Leute werden in 10 Jahren gerne zu uns kommen, weil sie hier eben Fotos nicht nur angucken, sondern Fotografie bei Workshops, Führungen und Vorträgen wirklich erfahren und vielseitig erleben können. 

SH | Innovation und Evolution ist wichtig um zukunftsfähig zu sein und sich weiter zu entwickeln. Wie weit kann und möchte sich das „Museum der Zukunft“ auf neue Dinge einlassen?

SK | Ein Museum ist für mich ein Ort, an dem ich mich einerseits kontemplativ zurückziehe und andererseits etwas erleben kann, ein Ort, der mich auch emotional berührt. Ich denke, Museen können zukünftig ruhig ein wenig mehr mit dieser Rolle experimentieren. Sie sind eben keine Orte mehr, an denen man sich schweigend, höchstens flüsternd bewegt und ja nichts anfasst. Museen dürfen auch Spaß machen – auch den Erwachsenen! Und da gilt es, sich in Zukunft auf neue Formate einzulassen, mit Vermittlungsangeboten ruhig zu experimentieren und aus den gewohnten Strukturen auszubrechen. Das fordert natürlich Mut, aber Museen können sich das leisten, denn sie haben wirklich was zu bieten. 

SH | Welches war eigentlich das Museum, dass dich persönlich am meisten beeindruckt hat und wo du auch im Rentenalter noch hingehen wirst? Und vor allem: Warum?

SK | Das ist eine schwierige Frage, da Museumsbesuche auch von meiner Stimmung abhängen. Aber ich muss zugeben, dass ich die Neue Nationalgalerie in Berlin sehr gerne besuche. Die Sammlung ist beeindruckend aber vor allem reizt mich die offene, transparente Architektur des Hauses. Man hat zumindest in der oberen Halle, nicht das Gefühl, in einem weißen Würfel eingesperrt zu sein. Auch wenn es den Kuratoren immer wieder Schwierigkeiten bereitet, die obere Halle für Ausstellungen zu nutzen, übt das Gebäude doch eine ganz besondere Anziehung aus. Ansonsten finde ich naturkundliche Museen z.B. das in Berlin oder Bonn immer wieder beeindruckend. Diese Museen zeigen besonders schön, wie Wissenschaft und eine Fülle von Informationen sehr lebhaft und anschaulich vermitteln werden können. 

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Stefanie Kinsky. Foto: © Andreas C. Meyer

SH | Wenn dir der Dschinn aus der Lampe begegnen würde, welche 3 Dinge würdest du dir persönlich als Mitarbeiter und Besucher für das „Museum der Zukunft wünschen?

SK | 1. Mehr Sitzgelegenheiten! Museumsbesuche sind anstrengend – gucken, lesen, verstehen, vielleicht sogar mitmachen…Da könnten ein paar mehr Stühle oder Bänke nicht schaden ;-) 2. Mehr Anreize, das Museum mit „nach Hause“ zu nehmen: ich wünsche mir mehr Angebote, online oder offline, die meinen Besuch vor- oder nachbereiten oder mich wieder daran erinnern, dass ich doch vor einer Weile mal eine tolle Ausstellung besucht habe. Das Museum der Zukunft kennt keine Grenzen! 3. Das „Ganztags-Museum“: Das Museum als Ort, an dem ich mich gerne und lange aufhalte, weil ich hier nicht nur lernen und verstehen kann, sondern weil ich mich hier mit Freunden, Gleichgesinnten oder sogar Fremden austauschen kann, weil ich mich hier entspanne und auch etwas Leckeres zu essen bekomme. Ein Rund-Um-Wohl-Fühl-Museum quasi. 

SH | Super! Danke dir Stefanie, dass du dich am SummerTalk beteiligt hast und viel Erfolg weiterhin bei C/O Berlin!

—–

Stefanie Kinsky, Studium der Medienwissenschaft und Museumsmanagement in Potsdam und Berlin. Tätig als Online-Redakteurin, Dozentin und Social-Media-Beraterin mit dem Fokus auf Kulturvermittlung im Internet. Seit November 2012 Online-Managerin bei C/O Berlin und betreut allein hier über 45.000 Fans und Follower.

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