“Museum der Zukunft”: SummerTalk mit Matthias Schönebäumer, Deichtorhallen

Schlag auf Schlag geht es weiter mit dem SummerTalk hier auf dem Blog. Zugegebenermaßen ist es beim Blick aus dem Fenster nicht besonders sommerlich. Besonders hier in Hamburg nicht. Warum dann nicht die Chance nutzen und eine Runde über das „Museum der Zukunft“ plaudern. Und so darf ich heute das erste Interview mit einem Gesprächspartner aus meiner neuen Heimat zu Präsentieren. 

SH | Lieber Matthias, wir sind in Hamburg, es geht um Museen, das hier und Jetzt und vor allem die Zukunft. Es freut mich, dass ich dich – als Mitarbeiter der Deichtorhallen, einen Ausstellungsort, den ich sehr schätze – für die SummerTalk-Reihe auf meinem Blog gewinnen konnte. Wie du weißt geht es um das „Museum der Zukunft“. Es geht aber vor allem um 10 von mir vorbereitete Fragen, die auch einen aktuellen Status Quo im Museum beleuchten sollen. Ich starte einfach mal wie gewohnt in dieser Serie mit den drei allseits beliebten Hashtags #Besucher #Zukunft #Museum und gebe das Zepter dann direkt an dich. Mit welchen drei Schlagwörtern würdest du dich umschreiben?

MS |Ich bin kein Freund der Hashtagisierung von Persönlichkeitsprofilen. Daher empfehle ich hier lieber drei mehr oder weniger aktuelle Kulturprodukte:

Buch: „A Hologram for the King“ von Dave Eggers
Film: „Die Piloten “ von Christoph Schlingensief
Platte: „Red Clay“ von Freddie Hubbard

SH | Nenne mir dann aber bitte nun drei prägnante und beschreibende Hashtags zum Museum, in dem du tätig bist.

MS | #hallefueraktuellekunst, #hausderphotographie, #sammlungfalckenberg – unsere drei Standorte.

Foto: Sammlung Falckenberg. Copyright: Henning Rogge

Foto: Sammlung Falckenberg. Copyright: Henning Rogge

SH | Die Beständigkeit und die Zukunft eines Museums sind vor allem auch davon abhängig, wie sich ein Museum heute im Konkurrenzkampf besteht. In Hamburg gibt es viele Museen. Was glaubst du: Warum die Menschen immer wieder in die Deichtorhallen kommen? Hat das vielleicht etwas mit den drei Hashtags oben zu tun?

MS | Vorab: die Deichtorhallen sind ja kein Museum, sondern ein Ausstellungshaus. Das ist ein wichtiger Unterschied. Unser Programm definiert sich durch Wechselausstellungen, es passiert also immer wieder Neues. Das entscheidende am Ende des Tages sind einfach gute und relevante Ausstellungen. Damit steht und fällt die Präsenz. Würde man selbst so schnell wieder in ein Museum gehen, in dem man eine langweilige Ausstellung gesehen hat? Wahrscheinlich nicht. Dieser Eindruck prägt wie kein zweiter. Hinzu kommen natürlich noch die klassischen Faktoren wie eine gute Erreichbarkeit, angenehmes Ambiente und ein ganz genereller Sympathiewert, der unglaublich wichtig ist. Ich denke, wir haben uns hier in Hamburg da gerade in den letzten zwei Jahren ganz gut nach vorne gespielt.

Unsere drei Standorte (siehe Hashtags oben) spielen da eine große Rolle: Zeitgenössische Positionen und künstlerische Großausstellungen in der Halle für aktuelle Kunst, die wichtigen Strömungen der aktuellen Fotografie und historische Ausstellungen im Haus der Photographie. Hinzu kommt eher das eher unangepasste oder experimentierfreudige Programm in der Sammlung Falckenberg in Harburg. Dieser Dreiklang macht die Deichtorhallen für viele Besucher interessant. Und für viele, gerade jüngere Besucher, stehen die Deichtorhallen auch für eine gewisse Beweglichkeit: Hier geht mehr, hier steht nichts still. Ich höre oft: die Deichtorhallen sind ein cooles Haus. Darüber freuen wir uns natürlich.

SH | Ich behaupte ja, dass Museumsmenschen besonders viel Herzblut in die Arbeit stecken. Das stelle ich immer wieder fest. Oft, weil sie die Materie an sich lieben. Würde ich da bei dir auch richtig liegen? Und hast du in den Deichtorhallen bzw. der Sammlung Falkenberg ein Lieblingsobjekt oder –ort? Welche vergangene Ausstellung war für dich eine „Herzensangelegenheit“?

MS | Wir sind halt Kulturarbeiter mit Leib und Seele, weil in diesem Feld so viel zusammenkommt. Ich würde übrigens nicht so weit gehen zu sagen, dass ich das Museen als Institution liebe. Aber ich schätze das Betätigungsfeld als Kraftfeld für Ideen und Diskussionen sehr. Eben Dinge neu zu denken. Für mich persönlich ist wichtig, dass es auch immer eine gesellschaftliche Relevanz oder Spannung gibt. Daher ist mein Lieblingsort auch die Sammlung Falckenberg mit ihren Positionen deutscher und amerikanischer Gegenwartskunst. Harald Falckenberg hat sein Sammlungskonzept ja sehr prägnant formuliert: Es geht nicht darum, dass etwas besonders schön oder erbaulich anzusehen ist, sondern um eine Abbildung oder ein Feedback gesellschaftlicher Zustände in der Kunst. An konkreten Objekten würde ich das nicht festmachen, sondern eher an einer ganzheitlichen „Schwingung“. Das war für mich besonders deutlich zu spüren in den Ausstellungen von Monica Bonvicini, dem Gastspiel der Sammlung Haubrok oder aktuell bei William S. Burroughs. Ich freue mich auch sehr auf die Ausstellung des spanischen Künstlers Santiago Sierra im Herbst. Ein wirklich großartiges Projekt war natürlich auch das Horizon Field Hamburg von Antony Gormley und ich bin wirklich ein Fan von Hans-Peter Feldmann geworden, den wir gerade in der Halle für aktuelle Kunst gezeigt haben. Und die neuen Positionen bei „gute aussichten – junge deutsche fotografie“ sind immer sehr nah dran am Puls.

Matthias Schönebäumer, Copyright: Martin Richter

Matthias Schönebäumer, Copyright: Martin Richter

5. Mal ein anderes Thema: Digitale Netzkultur. Mittlerweile nutzen auch viele Museen verstärkt die Angebote des Internets. Gut so wie ich finde. Homepage, ein Blog, Facebook, Apps und vieles mehr bringt einem Museum viele Vorteile. Oder wie siehst du das für die Deichtorhallen? Welchen Stellenwert haben die Technologien des Netzes für dich heute und in Zukunft?

Natürlich sind für uns all diese Tools sehr wichtig geworden und werden es bleiben – nicht nur in der Kommunikation unserer Inhalte, sondern auch in der Markenschärfung. Das sehe ich ja schon an den steigenden Nutzerzahlen. Unser Publikum ist ja im Schnitt eher jung, daher versuchen wir natürlich auch dem Publikum auf diesen Plattformen zu begegnen und dort abzuholen. Was aber nicht heißt, das wir alles mitmachen. Ich kriege ja ständig irgendwelche Tools gezeigt und sage dann: Finde ich nicht gut, bringt uns nichts. Unsere App hat nicht besonders gut funktioniert, weil sie nicht individuell genug war. Aber es war wichtig, es mal auszuprobieren. Es war sehr lehrreich, aber ich bin da ganz rational: Hat nicht geklappt, also weg damit. Der ganze Bereich Digitale Netzkultur erlaubt ja gottseidank auch immer wieder Fehlschüsse, gerade weil es ein so unübersichtlich morphender Kosmos aus superschnellem Abchecken und Nicht-Wissen ist. Da sind dann auch mal Experimente möglich und man erfährt auch viel Toleranz, wenn mal was nach hinten losgeht. Ich überlege mir aber immer vorher: Was hat der Besucher davon? Welchen Mehrwert hat es? Wie lässt es sich mit anderen Tools zusammenbringen oder ergänzen? Passt es zu uns als Haus? Und habe ich überhaupt die Zeit, dass auch noch mit Inhalten zu bespielen und zu monitoren?

Ich habe neulich eine sehr interessante Studie zum Nutzungsverhalten von deutschen Facebook-Nutzern auf Museumsseiten gelesen. Das war wirklich sehr erhellend. Die überwiegende Mehrheit will eben doch vor allem die Basics: Informationen zu Ausstellung und Veranstaltungen, Fotos, Links. Gut aufbereitet, schnell zu erfassen. Mal eben ein paar Sekunden die Timeline überfliegen und die wichtigen Infos filtern, hier mal ein Like und weiter geht’s. Diese ganze Debatte über Storytelling, aktives Posting und Mitmachaktionen halte ich im Grunde für völlig übersteuert. Da wird auch so eine Wichtigkeit generiert, die völlig am Bedürfnis des Besuchers vorbeigeht.

Ich war neulich auf einer Marketingtagung, da wurde mal wieder deutlich, dass viele Häuser einfach immer noch Lösungen für ganz simple Probleme suchen. Wie geht das mit der Timeline bei Facebook? Lohnt sich Sponsoring von Meldungen? Wie generiere ich Inhalte, die auch wirklich interessieren? Muss ich twittern? Es sind immer dieselben Fragen und die Leute sind wirklich wahnsinnig happy, wenn sie darauf einfache Antworten bekommen. Und gerade weil sich z.B. Facebook in den nächsten Jahren noch mehr als Marketingtool begreifen wird, sehe ich dieselben Fragen auf’s Neue anrollen. Es wird sich sicherlich alles noch mehr aufsplittern, verästeln und sich spezialisieren. Man muss also sehr genau hinschauen und vor allem alles genau hinterfragen. Ich hardere ja auch immer wieder am Sinn und Zweck von einzelnen Dingen, wie z.B. Google+. An sich toll, aber ich hab den Dreh noch nicht raus. Oft fehlt mir dafür auch die Zeit, mich da voll reinzuknien. Das sind dann so die digitalen Baustellen und das ist dann eben auch mal frustrierend. Dafür bin ich froh, dass ich nach einigem Zögern Soundcloud für uns entdeckt habe. Es ist halt ein tägliches Schürfen im digitalen Steinbruch.

SH | Und die Besucherzahlen? Wie wirken sich die Aktivitäten im Internet darauf aus? Ist ja nicht ganz unwichtig heutzutage…

MS | Das lässt sich ja nur schwer nachmessen. Sicher gibt es vielleicht einen verstärkten Buzz um eine Ausstellung, wenn wir das über zwei, drei Wochen vor der Eröffnung auf allen Plattformen laufen lassen. Aber wieviele davon finden wirklich den Weg ins Museum? Das hat dann wieder mehr mit Markenschärfung zu tun: „Aha, die Deichtorhallen machen mal wieder was. Gefällt mir!“. Das jemand den „Gefällt mir“-Button drückt oder Retweetet, heißt aber für mich erstmal, dass da jemand gut findet, dass irgendwas im Kontext Deichtorhallen passiert. Das ist ja auch immer erstmal ein diffuses Verhältnis zum Informationsfluß. Verlassen kann ich mich darauf als Museum aber nicht, sondern ich kann die Info nur so clever und kurzweilig wie möglich streuen, dass es von hier aus seine Kreise zieht, z.B. über Mundpropaganda, Eigeninitative etc. Wir versuchen das gerade im Rahmen einer Besucherbefragung herauszufinden.

7. Ab in die Time Machine: Was werden du und ich in 5 oder 10 Jahren in den Deichtorhallen sehen?

In der Halle für aktuelle Kunst werden es weiterhin große, auch spektakuläre Ausstellungsprojekte sein, die eng in Zusammenarbeit mit den Künstlern entstehen und sicher auch als Ereignis für sich stehen werden. Neue Strömungen der Fotografie und wichtige historische Schauen im Haus der Photographie. Gesellschaftskritische, auch mal subversive und eher konzeptuelle Ausstellungen in der Sammlung Falckenberg in Harburg.

DEICHTORHALLEN - lichtbildwerkerin.de

Foto Deichtorhallen, Copyright: Conny Hilker.

SH| Der Antriebsmotor für eine gute Zukunft sind Innovation und Evolution. Was denkst du, in wie weit kann und möchte sich das „Museum der Zukunft“ auf neue Dinge einlassen?

MS | „Museum der Zukunft“ – das ist ja als Slogan schon eigentlich eine Diskrepanz. Im Ernst: Ich denke, ein gesunder Mittelweg ist wichtig. So wenig sexy das jetzt auch klingt: Das Museum muss natürlich die klassischen Inhalte des Bewahrens, des Aufklärens und der Erbauung fortführen. Da kommen wir jetzt nicht mehr raus, das ist der Auftrag. Trotzdem lassen sich solche Parameter mit neuen Mitteln und Methoden weiterdenken. Diese Anregungen finden sich aber meiner Meinung nach nicht nur im Netz, sondern überall dort, wo Menschen ein neues Verhältnis zu Informationen finden. Debatten und Theorien verfolgen, nachdenken und nachlesen ist unabdingbar. Wie kann ich das, was sich da tut auf meinen Bereich ausweiten? Steckt das was drin, was für uns als Haus wichtig sein könnte? Das kann man auch noch weiter ausdehnen: auf Bücher, Filme, Musik.

Überall dort wo Kulturgut vermittelbar bleibt, wird sich Innovation ganz zwangsläufig ergeben. Viele dieser Innovationen sind ja in der Kunst schon selbst angelegt. Das Museum muss nur versuchen, eigene Mittel zu finden und darf nicht nur mitschwimmen. Aber auch hier sollte gelten: Es muss auch immer zum Selbstverständnis passen. Neulich war ich auf der Website von irgendeinem Museum, ich weiß nicht mehr wo, da gab es gar nichts. Kein Facebook, kein Twitter, gar nichts. Das war auch schon wieder herrlich. Diese Entprofessionalisierung, fast wie Zen. So geht’s natürlich auch.

SH | Aber was zeichnet gute Museen zukünftig aus? Was ist nötig, damit ein Ort attraktiv bleibt für die Besucher? By the way: Dein Lieblingsmuseum außerhalb der Deichtorhallen, das du immer wieder besuchen würdest?

MS | Wie schon erwähnt: Gute Museen zeigen gute Ausstellung. Ansonsten möchte ich als Besucher gerne ernst genommen werden, in meinem Expertentum genauso wie in meinem laienhaften Herumtasten. Ich will das Gefühl haben, dass ein Haus auch auf mich zukommt, mich auf steinigem Gelände an die Hand nimmt und ich mir nicht alles mühsam erarbeiten muss. Ich persönlich sehe es zum Beispiel wahnsinnig gerne, wenn ein Museum sich die Mühe macht, gut auszusehen: Angefangen von der Typo und den Hausfarben, über die Website, über den Kassentresen, über die Beleuchtung im Shop. Dann kriege ich gleich gute Laune, weil ich eben das Gefühl bekomme, dass hier jemand ernst mit der Sache meint. Und schon habe ich Lust mich damit zu beschäftigen. Nette Leute sind natürlich auch immer gut…

MS | Das EINE Lieblingsmuseum gibt es bei mir nicht. Hier in Hamburg sind es natürlich die Häuser der Kunstmeile, also das Bucerius Kunstforum, die Kunsthalle, der Kunstverein und das Museum für Kunst und Gewerbe. Darüberhinaus gibt es wirklich einige Museen, die ich immer wieder besuchen würde und auch besuche: den Hamburger Bahnhof, die Neue Nationalgalerie, das Haus der Kulturen, das Naturk in Berlin, die SCHIRN in Frankfurt, das Museum Ludwig in Köln, das ZKM in Karlsruhe und das mumok in Wien. Ich bin außerdem ein sehr großer Fan der Fondation Beyeler in Basel-Riehn. Und aus reinem Lokalpatriotismus natürlich die Kunsthalle Bielefeld.

SH | Die letzte Frage zum Wünschen und Träumen: Wenn dir der Dschinn aus der Lampe begegnen würde, welche 3 Dinge würdest du dir persönlich als Mitarbeiter und Besucher für das „Museum der Zukunft“ wünschen?

MS | Relevanz, Offenheit, Unabhängigkeit.

SH | Vielen Dank für das Interview!

Geboren 1978 in Bielefeld, Studium Literaturwissenschaft an der Uni Bielefeld. Lehraufträge für Film- und Medientheorie an der FH Bielefeld und an der Uni Bielefeld. Freies Schreiben über Popmusik u.a. für Spex, Groove, ZEIT Online, testcard. Assistenzen in diversen Galerien, Volontariat in der Kommunikation in den Deichtorhallen, seit März 2013 fest angestellt für die Sammlung Falckenberg und den Bereich Digitale Medien.

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