“Museum der Zukunft”: SummerTalk mit Sandra Kilb, Steinhuder Museen

Auf ein Neues: Teil 3 meines kleinen Special „SummerTalk“ hier auf dem Blog steht auf der Agenda. Mein Interviewpartner ist diesmal Sandra Kilb, die seit etwas 2 Jahren die Steinhuder Museen leitet.

SH | Liebe Sandra, lang ist es her, dass wir uns in Bremen gesehen haben. Schön, dass du dabei bist, bei meinem kleinen SummerTalk-Interview-Special. Es geht um „Museum der Zukunft“ und ich freue mich auf deine Antworten dazu. Das Ganze erscheint ja als Beitrag für einen Blog rund um Museum und Social Media und da Hashtags heutzutage Gang und Gebe sind, möchte ich gerne mit einem dreifachen Hashtag-Hattrick beginnen. Wie bei meinen Gesprächspartnern fange ich auch bei dir mit den drei Schlagworten an, die uns gleich ein wenig begleiten werden: #Besucher #Zukunft #Museum. Nun bist du an der Reihe. Ich möchte gerne, dass du dich einmal mit drei Hashtags beschreibst. Keine Angst, am Ende des Beitrags gibt es noch eine reguläre Vita von dir😉

SK | #Neugierig #Reflektiert #Zielstrebig – Natürlich noch einiges mehr, aber in oben genannter Reihenfolge scheint es doch einen ersten Eindruck zu geben. Ich liebe die Sendung mit der Maus und die Art und Weise wie Dinge gesehen und erklärt werden. Das hat mich tief geprägt. 

SH | Wer hat es nicht gesehen damals🙂 Gut. Und nun nenne mir bitte drei Hashtags zum Museum, in dem du tätig bist.

SK | #on-the-way #Tradition #besuchernah

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Historie und Kulturgeschichte zum Durchflanieren in den Steinhuder Museen

SH | Ein schöner Schlagwort-Mix! Klingt, wie die perfekte Waffe für den Konkurrenz-Kampf, den es – natürlich auch im Museumsbereich – heute und morgen gibt. Was glaubst du, ist das Besondere an deinem Museum? Wieso kommen die Menschen und kaufen bei euch eine Eintrittskarte? Sind es die drei Hashtags von oben?

SK | Ich vermute es sind: #Tourismus #Authentizität #Besuchernah. Wir liegen im Umland von Hannover. Steinhude ist ein touristisches Zentrum für Feriengäste und Tagesbesucher. Wir haben letztes Jahr unser Einzugsgebiet analysiert und festgestellt: etwa 58 % kommen aus dem Umkreis von 50 Kilometern. Wir wirken authentisch – Im Fischer- und Webermuseum konzentrieren wir uns auf das „Leben und arbeiten unter einem Dach in Steinhude“ vor über 100 Jahren. Im Haus gibt es wenig Vitrinen, die Besucher bewegen sich in einem Exponat – dem Haus. Die beiden namengebenden Berufe hingen zusammen, ergaben sich aus der Lebensumwelt und prägten eine Sonderform der Gebäude. Das Haus ist eben KEIN typisches Bauernhaus, sondern komplett auf die beiden Berufe zugeschnitten errichtet worden. Form Follows Function (lange vor der Chicago School). Das merken die Menschen, die hereinkommen sofort. Im Bereich Spielzeugmuseum haben wir natürlich viele Vitrinen. Aber auch hier konzentrieren wir uns auf zwei Themenbereiche: Bürgerliches Spielzeug als Repräsentant für die Sicht auf die Kindheit früher und ein Überblick durch die Kulturgeschichte des Spielzeugs. Manche Portale bezeichnen uns als „Heimatmuseum“. Das finde ich nicht sehr treffend, vor allem, da das Image des Wortes flächendeckend eher durchwachsen ist, Spezialmuseum wäre passender.

SH | Mann merkt, dass du in deinem Museum mit viel Leidenschaft und Freude dabei bist. Dies kommt schönerweise in der Museumsbranche häufiger vor. Oft hängt das auch eben mit der Materie, um die es im Museum geht, zusammen. Gibt es für dich im Museum einen Lieblingsobjekt oder Lieblingsort, zu dem du jeden Besucher hinschleifen würdest?

SK | Uff. Nein. Es kommt definitiv drauf an, WER mich besucht. Dich würde ich zur Margarinefigur „Neanderthaler“ schleppen und danach zu Castle Grayskull.

SH | Da würde ich nicht nein sagen🙂

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Sandra mit einem ihrer Lieblingsobjekte aus den Steinhuder Museen

SK | Menschen mit Kindern würde ich mit zu dem riesigen Marienkäfer-Reittier nehmen. Gewisse Hannoveraner zur bemalten Tipp-Kick-Figur „Hannover 96“ von 1969. Es gibt hier so viel, was Witz hat und emotional berühren kann, wenn man es erklärt und auch inhaltlich verankert.

SH | Ich merke gerade, dass ich unbedingt man von Hamburg nach Steinhude kommen muss😀 Mal zu einem anderen Thema: Heutzutage kommt eigentlich kein Museum mehr um die digitale Netzkultur herum. Oder mal positiv formuliert: Museen können für sich und die Besucher eine Homepage, ein Blog (was ihr ja auch verstärkt nutzt) Facebook, Apps und vieles mehr optimal nutzen. Welchen Stellenwert hat dies alles aktuell und in Zukunft für die Steinhuder Museen und für die Institution „Museum“ überhaupt?

SK | Stellenwert: Groß. Ich habe als Museumsmensch die Wahl, WAS ich online stelle. So wichtig auch die Printmedien und Presseartikel sind – dort kann ich zwar durch eine Pressemitteilung eine Textvorgabe einreichen, ob die aber abgedruckt wird, steht außerhalb meines Einflusses. Die Website, den Blog, Facebook,.. pflege ich selbst und habe die Möglichkeit, das Profil des Museums so zu kommunizieren, wie es in Konzept oder Leitbild steht, bzw. mit dem Vorstand abgestimmt ist. Das ist doch eine riesige Chance! Gerade bei kleinen Museen, in denen alles in einer (wissenschaftlich arbeitenden) Hand ist, kann die Kommunikation des Profils des Museums sehr einfach über einen Blog gesteuert werden. Inhalt und Kommunikation gehen Hand in Hand, stammen aus dem gleichen Kopf. Dadurch bekommt man sogar einen Einfluss auf das Image des Museums. Facebook ist für uns eine gute Ergänzung, um noch mehr Nähe zu ermöglichen. Wir mögen es, Fragen gestellt zu bekommen. Partizipation ist ebenfalls eine große Chance und durch die digitale Netzkultur so einfach wie nie zuvor (wobei darin unsere User doch eher träge sind. Bisher? Bisher!). Wenn ich meinen Besuchern zuhöre, dann weiß ich als Museumsmensch auch, wie ich meine Inhalte besser kommunizieren kann. Technisch ausgedrückt: Sender & Rezipient verstehen sich besser. Digitale Netzkultur im Museumsbereich muss nichts mit Populismus zu tun haben. Wir bloggen seit Oktober 2011 und haben seit Januar 2013 auch eine Facebookseite. Beides wächst stetig, es lohnt sich und ist für uns wirklich nicht mehr wegzudenken. Bei Apps bin ich noch unsicher. Wir machen aktuell bei der kostenlosen museum.de App mit, aber ich bin nicht sicher, wie hoch deren Bekanntheitsgrad überhaupt ist.

SH | Kommen wir aber mal zur entscheidenden Frage: Was meinst du denn, wie sich das Internet und der ganzen „Rattenschwanz“ auf die
Besucherzahlen, die ja für Museen sehr wichtig sind, in Zukunft auswirken wird? Böse Stimmen behaupten ja, dass die Menschen fern bleiben, weil alles bald im Internet zu sehen sein wird.

SK | Bei uns steigen die Klickzahlen seit Start des Blogs kontinuierlich an. Damit steigt der Bekanntheitsgrad unseres Museums, wir binden durch unser Blogprinzip „Infotainment“ auch Mehrfachbesucher an den Blog. Das zeigt der Anstieg der Klickzahlen nach jedem Post, das zeigen die Kommentare. Kommen diese Menschen dann real ins Museum, dann müssen die virtuell geweckten Erwartungen natürlich auch erfüllt werden. Was durch unseren Relaunch der Website gefühlt angestiegen ist, sind Kindergarten – und Schulklassenbuchungen. Aus meiner früheren Mitarbeit bei einem Online-Museumspädagogikportal weiß ich, dass Lehrer gezielt im Internet suchen. Ich sage übrigens gefühlt, da ich die Museumsleitung erst seit knapp 2 Jahren übernommen habe – zum Start kamen fast keine Schulklassen. Angeblich war es früher aber mal mehr. Hierzu kann ich also noch nicht viel sagen. Dieses Jahr haben wir aber bis jetzt schon so viele Kinderführungen gehabt wie letztes Jahr insgesamt – UND: was ich als Lob empfinde: es gab Mund-zu-MundPropaganda, es kommen später auch die Parallelklassen! Aber die virtuell geweckte Erwartung muss mit der gezeigten Realität übereinstimmen. Die Mischung machts. Mundpropagandqa ist Gold wert – egal ob über Telefon, per Facebook oder Visa-Vis. Generell ist es aber noch zu früh. Ich habe ja quasi sofort nach meinem Amtsantritt begonnen zu bloggen. Und auch da lerne ich noch. Sicherlich könnte ich eine Menge besser machen. Andererseits, ich bin halt die einzige Wissenschaftlerin hier und mache „alles“. Da muss man sich auch nicht immer schlecht reden oder klein machen. Wir fragen unsere Besucher übrigens gerade ab, wodurch sie auf die Idee gekommen sind, unsere Museen zu besuchen – auf das Ergebnis bin ich sehr neugierig. Vielleicht gibts dann was zu justieren. Mal schaun. Zu dem ganzen Geunke böser Stimmen will ich auch noch was sagen: Wenn ein Museum im Internet seine Ausstellung vorstellt und Menschen aufgrund des Besuchs der Website wegbleiben, dann sollte man sich auch um die Ausstellung Gedanken machen.

SH | Danke für deine eindeutige Position, die du da beziehst. Lass uns doch mal ein wenig Zeitmaschine spielem. Was werden in 10 Jahren die Highlights in den Steinhuder Museen sein?

SK | Unser Museumsgebäude ist unser größtes Exponat. Es wurde bis 1984 bewohnt (Wasserpumpe in der Küche – die geht sogar noch!). Das ist Highlight und wird es bleiben. Es konnte so viel übernommen werden, dass ein Eindruck der Authentizität herrscht. Auch eine Studierendengruppe „Kostümbildner“ nutzte unsere Räume schon als Szenerie für ein Fotoshooting historischer Gewänder. Aber: ein anderes Highlight wird endlich erforscht und optimal präsentiert sein. Wir haben ein komplett am Webstuhl – ohne Naht – entstandenes Hemd von 1728. Aktuell weiß keiner (!) wie es hergestellt wurde. Und wir werden zwei Hands-on-Bereiche haben: zum Thema Webtechniken und Aussteuerherstellung. Gerade solche handwerklichen Bereiche müssen erFASST und beGRIFFEN werden.

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„Öffne mich!“-Aufforderung an die Besucher/innen in den Steinhuder Museen.

SH | Innovation und Evolution ist wichtig um zukunftsfähig zu sein und sich weiter zu entwickeln. Wie weit kann und möchte sich das „Museum der Zukunft“ auf neue Dinge einlassen?

SK | „Innovative Technik“ ist in Museen für mich dann gut genutzt, wenn sie nicht zum Spielkram verkommt, sondern ein Transportmedium bleibt. Die „tollen“ virtuellen Rekonstrukionsspiele, die es in den 2000n in vielen Museen gab – das konnte jedes Mainstreamcomputerspiel besser (man hatte nun mal nicht die Qualität von „Stronghold“ u.a.) – oder wenn ein Fließtext auf PDA geboten wird – da kann ich billiger ein gebundenes Buch an die Wand hängen. Als Museumspädagogin ist mir ein Drehbuch sehr wichtig. Seltsamerweise scheint dies in Deutschland noch als Innovativ zu gelten. Unser Museum ist in einem weitgehend authentischen Haus von 1850 zu Hause, vieles wirkt auf jüngere Besucher exotisch, da so fern des heutigen Alltags. Hier ist ein Leitsystem für die mobilen Endgeräte der Besucher mein Wunsch. Wer weiß denn schon, was eine Milchzentrifuge ist und was ihr Sinn ist? Oder wie man ein Fischernetz knüpft? Es stecken eine Menge Geschichten in den Details und im Haus, in den Objekten und im Ort. Augmented reality sehe ich als Möglichkeit, um die Objekte zum Sprechen zu bringen – sei es als Schnitzeljagd oder mit verschiedenen Inhaltstiefen. Diese Dinge will ich zusammen mit UniSeminaren und Praktikanten machen, um auch gerade die Fragen und Ideen junger Menschen aufzugreifen. Mein Ziel ist: Moderne und Tradition zu verbinden. „Tradere“ heißt ja weitergeben – dafür muss man den (potentiellen) Besuchern auch zuhören und sie ernst nehmen.

SH | Das zeichnet sicher die guten Museen aus. Apropos: Welches war eigentlich das Museum, dass dich persönlich am meisten beeindruckt hat und wo du auch 30 Jahren noch hingehen wirst? Und vor allem: Warum?

SK | Ich bin ja schon mehrfach umgezogen, und in jeder Stadt entdecke ich ein anderes Lieblingsmuseum. Aktuell lebe ich in Hannover – am häufigsten war ich in der Kestnergesellschaft oder im Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst. Beide zeichnen sich dadurch aus, mit ihren Ausstellungen überraschen zu können – privat gehe ich sehr gerne in Ausstellungen zeitgenössischer Kunst, ich mag die Aha-Effekte.

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SH | Wenn nicht die, welche dann🙂 Aprospo AHA: Wenn dir der Dschinn aus der Lampe begegnen würde, welche 3 Dinge würdest du dir persönlich als Mitarbeiter und Besucher für das „Museum der Zukunft wünschen?

SK | 1. Museen und Ausstellungen, die mich geistig kitzeln, fordern, überraschen und dabei amüsieren oder gut unterhalten. 2. Ich wünsche mir Partizipation, ich will das Gefühl haben, angesprochen zu sein und dazu benötige ich Ankerpunkte, die mich emotional, historisch oder visuell mitnehmen. Aber Dschinns sind ja nicht die gute Fee aus dem Märchen, sie haben den Schalk im Nacken, daher hebe ich mir den dritten Wunsch noch auf.

SH | Sandra, vielen Dank, dass du mitgemacht hast und viel Erfolg für deine weitere Zukunft als Direktorin der Steinhuder Museen.

Sandra Kilb wurde ich 1975 in Hechingen, Baden-Württemberg, geboren. Sie wuchs in einem kleineren Dorf auf und das nächstgelegene Museum war die „Villa Rustica in Stein“. Nach dem Abitur 1994 machte sie ein einjähriges Praktikum in Kreisjugendpflege und Suchtprophylaxestelle, bevor sie nach Freiburg zum Studium der Frühgeschichtlichen Archäologie, klassischen Archäologie und Philosophie umzog. Sandra Kilb war im Kulturreferat des u-AstA der Uni Freiburg, in der Fachschaft UFG und machte ihre ersten Erfahrungen mit Museumsarbeit im Bereich klassische Archäologie. Danach folgte ein Wechsel nach Kiel an die CAU, wo sie ihren Abschluss Magistra Artium (frühmittelalterliche Wirtschaftsgeschichte) im Jahr 2003 absolvierte. Kurz danach begann ihr Museumsvolontariat im Bereich Urgeschichte des Niedersächsischen Landesmuseum Hannover. Nach einer (zum Glück!) sehr kurzen Phase der Arbeitslosigkeit konnte sie an Musealog X teilnehmen (Dienstort: Niedersächsisches Freilichtmuseum Cloppenburg), woraus sie in eine Projekttätigkeit beim Niedersächsischen Museumsverband wechselte und „nebenher“ als Museumspädagogin arbeitete, um neben der Museumstheorie auch in der Praxis zu bleiben. Beim MVNB blieb Sandra Kilb nicht ganz 5 Jahre und konnte zum 1. Juli 2011 die Leitung der Steinhuder Museen übernehmen. Dort ist sie im Grunde für alles zuständig, das Team ist klein und besteht außer ihr hauptsächlich aus Personal für Kasse und Reinigung, kleinere Reparaturen. Viel läuft mit Ehrenamtlichen, aber für die kommende Sonderausstellung „Ausgezeichnet! Die Spiele des Jahres“ konnten über Projektmittel ein Spiele- und Marketingexperte mit ins Boot geholt werden.

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