Nur gucken, nicht anfassen. Von virtuellen Ausstellungshäusern und Online-Museen in Deutschland

Am vorvergangenen Mittwoch war die dritte Auflage der #peanutbutterjellytime (mehr dazu hier), für die Axel Kopp und ich das Thema „Van Gogh und Freunde im virtuellen Museum“ wählten. Im Fokus standen ein dutzend Beispiele von Online-Museen unterschiedlicher Ausprägung – allesamt aus Deutschland. Dabei stellte sich nicht nur heraus, dass es nur ein paar Hand voll virtuelle Museumssammlungen gibt, sondern dass die existierenden auch sehr unterschiedlich daher kommen. Im Anschluss an die Veranstaltung möchte ich gerne einmal einen kleinen Überblick zum Thema geben. Einigen Beispielen hatte ich hier im Blog bereits einen Artikel gewidmet.

Wofür eigentlich ein Online-Museum?

Bei allen gefundenen Beispielen (für die Vollständigkeit gibt es keine Gewähr) fällt auf, dass sich die virtuelle Museumspräsenzen in 3 Hauptkategorien einteilen lassen. 1. Der visuelle Rundgang. 2. Die Erlebnis- und Entdeckungsreise. 3. Das virtuelle Mitmach-Museum. Alle 3 Formen haben ihre Stärken und Schwächen. Was gleichzeitig auch zu einer vorzeitigen, aber elementaren Frage führt: Ersetzt ein Online-Museum den Museumsbesuch? Um vorsichtig die Antwort vorzuziehen: Nein. Denn in den meisten Fällen geht es vor allem darum, den museumsaffinen Internetnutzer für das Real-Museum zu begeistern und die Vermittlung von Inhalten auf das World Wide Web zu erweitern. In manchen Fällen ist es nicht möglich, Besucher ins Museum zu lenken, da es sich um reine „Internetmuseen“ handelt. Hier zählt vor allem das, was im Netz steht. Nicht mehr und nicht weniger.

Die virtuellen Museen in Deutschland

Bei meinen Recherchen zu dem, was sich von den knapp 6000 Museen in Deutschland im Netz wieder findet, bin ich auf 14 virtuelle, interaktive und begehbare Museen gestoßen. 7 davon möchte ich gerne folgend einmal vorstellen. Immer mit Link, kurzer Beschreibung und einer persönlicher Einschätzung. 7 weitere folgen in einer Woche und im 2. Teil des Blogbeitrags. Freue mich zudem auf Ergänzungen von weiteren Online-Museen aus Deutschland im Kommentarfeld.

1. LeMO (http://www.dhm.de/lemo/home.html): „Das Urgestein der Internetmuseen“ ist LeMO und existiert bereits seit Ende der 1990er im Netz. Es ist ein Projekt des Deutschen Historischen Museums zusammen mit dem Haus der Geschichte und bildet im Netz einen Ort für das Lernen und Erfahren von deutscher Geschichte. Technisch einfach gehalten, sieht es heute ein wenig in die Jahre gekommen aus. Wie aber bereits im Internet zu lesen war, soll in diesem Jahr ein umfassender Relaunch unterzogen werden. Zur Zeit lassen sich über LeMO jede Menge Informationen rund um die deutsche Geschichte in Text und Bild abrufen. Unter „Guided Tours“ stehen mehrere Videos mit geführten Rundgängen durch die Ausstellungsräume und Themenbereiche bereit. Zudem umfasst die Datenbank des Online-Museums eine Vielzahl an Dokumenten weiterer Videos, Audios, Textdokumenten und vielem mehr, die über das Archiv bzw. die Suche sortiert und abrufbar sind.

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Startseite des „Lebendigen Museum Online – LeMO“

2. Neanderthal Museum (http://www.neanderthal.de/360/eingang.html): „Eine virtuelle Zeitreise durchs Museum“. Seit vergangenem Jahr hat das Neanderthal Museum in Mettmann einen kleinen Rundgang durch’s Haus ins Netz gestellt. Mit ein paar Klicks kann man hier durch den Schneckenhaus-ähnlichen Gang durch die Menschheitsgeschichte zappen. Umgesetzt mit dem krpano-Panorama Viewer, kann der Webuser sich mit Pfeilsteuerung durch das Museum bewegen und an vielen Stellen an die Objekte heran zoomen. Leider lassen sich die Ausstellungstexte nicht immer lesen, aber man erhält allemal einen ersten Eindruck des Museums.

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Eingangsbereich des Neanderthal Museums Mettmann mit dem Neanderthaler Mr.N

3. Haller Zeiträume (http://www.haller-zeitraeume.de): „Ein Online-Museum ohne Realpräsenz“. Vor einigen Jahren dachte sich eine Studentin, dass es höchste Zeit für ein Stadtmuseum in ihrer Heimat Halle (Westfalen) wäre. Daraufhin entwickelte sich mit viel Eigeninitiative die Haller Zeiträume. Ein im Netz begehbares Museumskonstukt, dass historische Objekte der Stadtgeschichte aus Halle inszeniert. Der User bekommt hier jede Menge informationen rund um die virtuellen – aber natürlich real existierenden – Exponate und kann sich durch verschiedene Themenräume navigieren. Dem Projekt ist zu wünschen, dass es weiter wächst und dass es irgendwann ein echtes Museum in der westfälischen Stadt geben wird.

4. Google Art Projekt (http://www.googleartproject.com): „Googles Navigator durch 184 Museen“. Das Google-Art Projekt ist mittlerweile seit einigen Jahren online und wird konstant mit neuen Museumssammlungen aufgestockt. Die User können somit heute über 180 Ausstellungshäuser weltweit erkunden und sich durch die Bestände der Museen klicken, eigene Galerien anlegen und bei vielen mitmachenden Institutionen auch einen virtuellen Rundgang machen. Zur Zeit zählt das Google Art Projekt, die die Sammlungen mittels Streetview-Technologie umfassend begehbar machten, insgesamt 19 deutsche Museen. Von Alter Nationalgalerie über Lehmbruckmuseum bis hin zum MuseumKunstpalast.

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Übersicht der deutschen Museen beim Google Art Project

Die meisten Museen aus Deutschland haben hochauflösende Bilder samt Infomaterial für Googles Kunst Projekt bereit gestellt. Sie sind so für Kunstinteressierte aus aller Welt am Computer entdeckbar. Jedoch nicht komplett, sondern nur mit den ausgewählten Werken, die Lust auf den Museumsbesuch machen sollen. Die Auflösung der Bilder ist so hoch, dass man sehr nah an die Objekte heranzoomen und somit genau sehen kann, wie das Material verarbeitet wurde.

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Übersicht der bereitgestellten Kunstwerke des Lehmbruck Museums beim Google Art Project

Die Streetview-Technologie wurde allerdings auch bei manchen deutschen Museen eingesetzt. Hier gelangt man durch die verschiedenen Räume und Themenbereiche, kann um Skulpturen herumgehen und auch mal einen Blick über die Decken streifen lassen. Das Projekt ist noch ausbaufähig – bei mehreren 1000 Museen und Deutschland und noch viel mehr auf allen Kontinenten. Zudem muss ein zusätzlich Reiz für den Nutzer entwickelt werden. Hier sollte Google sicherlich auf das Stichwort „Gamification“ setzen und spielerische Elemente zum Einsatz bringen. Die Möglcihkeiten hätte der Konzern allemal.

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Innenraum-Ansicht der Alten Nationalgalerie Berlin mit integrierten StreeetView-Funktion beim Google Art Project

5. LWL-Museum für Kunst und Kultur (http://tinyurl.com/cehttwm): „Ein Neubau eines Museums in Münster und im Internet“. Parallel zum Neubau des LWL-Museums für Kunst und Kultur in Münster entsteht im Web eine virtuelle Präsenz der neuen Räumlichkeiten. So entsteht eine flexible Internet-Variante des Museums im Westfälischen Münster, das mit einer Auswahl an Meisterwerken der eigenen Sammlung bestückt und interaktiven Momenten versehen ist. Im September geht das Online-Projekt, dass zusammen mit dem Fachbereich Wirtschaftsinformatik der Uni Münster entsteht, ins Netz. Man darf gespannt sein, was den User dort erwartet. Der eigentliche Museumsneubau öffnet im Frühjahr 2014 seine Pforten.

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Ab September 2013 online: Der virtuelle Neubau des LWL-Museums für Kunst und Kultur Münster.

6. Museum Of Obsolete Objects (http://www.youtube.com/user/MoooJvM): „Wenn Dinge aus dem Alttag verschwinden“. Manchmal bedarf es nur einer Idee, um ein virtuelles Museum zu gründen. Wie im Fall des Museums für Objekte, die aufgrund der Digitalisierung bzw. des technischen Fortschritts obsolet werden. Ein Taschenrechner, eine Kassette, Fax-Gerät, Diskette, Radio oder ein Plattenspieler. Der Youtube-Channel mit Videos zeigt all diese aus Alltag verloren gegangenen Gegenstände. Es ist ein Projekt der Agentur Jung von Matt, über das ich schon einmal hier auf dem Blog berichtete. Die Videos sind sehr zu empfehlen und lassen Erinnerungen an die Vergangenheit aufleben.

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Timeline vom „Museum Of Obsolete Objects“ von 1860 bis 2015.

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Videos zu den Ausstellungsobjekten. Hier: Die Floppy-Diskette

7. Ozeanum Stralsund (http://www.balticmuseums.net): „Einmal durchs Ozeaneum surfen“. Ein weiteres deutsches Museum, durch das man als User virtuell begehen kann, ist das Ozeaneum Stralsund. Als Teil des Webprojektes „Baltic Museums 2.0“ kann jeder Meeresbegeisterte die Ausstellungsräume ebenfalls mit dem Flash-basierten Panorama Player erkunden. Dieser lässt leider wieder nur bestimmte Ansichten rund um die Welt der Wasserlebewesen zu und ermöglicht dem Nutzer lediglich eine vorgefertigte Tour bzw. Tourabschnitte durch das Haus sowie nicht zu überwindende Perspektiven und Ansichten. Die Schau- und Infotafeln lassen sich selten exakt und en detail heran zoomen.

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Übersicht der beteiligten Museen am Projekt „BalticMuseums2.0“

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Ansicht der virtuellen Präsenz vom Ozeaneum Stralsund/Deutsches Meeresmuseum

Die Grundidee der virtuellen Ausstellungshäusern/Online-Museen

Nachdem ich mir die ersten 7 Beispiele zum Thema angeschaut und getestet habe, kristallisierten sich 3 Kategorien von Museumspräsenzen im Internet heraus.

  1. Die Vermittlungsorientierten: Da gibt es die virtuellen Ausstellungshäuser mit vielen Inhalten in Text, Bild, Ton und Video, die vor allem auf die Vermittlung des Contents aus sind. Dazu zählen das „LeMO“, das „MOOO“ und die „Haller Zeiträume“. Alles Museen, die es in ihrer Form zur Zeit ausschließlich nur im Web gibt.
  2. Die Entdeckungsorientierten: Darauf folgen die Präsenzen mit einem interaktiven Rundgang, die mit zusätzlichen Informationen bestückt sind. Hier wären die am Google Art Projekt beteiligten Einrichtungen sowie das LWL-Museum für Kunst und Kultur zu nennen. Bei beiden kommen zusätzlich die Aspekte Kommunikation, Partizipation und Gamification hinzu.
  3. Die Erkundungsorientierten: Des weiteren sind die Museen zu nennen, welche vor allem einen ersten Einblick durch einen hochauflösenden 360°-Fotorundgang ermöglichen um den eigentlichen Museumsbesuch Lust zu machen. Dazu zählen das Neanderthal Museum sowie das Ozeaneum Stralsund mit den anderen „Baltic Museums 2.0“.

Die Kurzbetrachtung der nächsten 7 Beispiele folgt in nächster Zeit. Bis dahin die Frage an alle Blogleser, welches virtuelles Ausstellungshaus beziehungsweise Online-Museum als besonders spannend, mehrwertschaffend und spaßbringend erachtet wird? Freue mich auf Kommentare.

9 Kommentare

  1. Welches Online-Museum gefällt dir bislang am besten? So vom ersten Eindruck?

  2. Eine sehr schöne Zusammenfassung! Dankeschön!

    Trotzdem bin ich mir noch immer nicht sicher, ob es Sinn macht, Museen virtuell nachzubauen. Nach anfänglicher Faszination wird die Navigation meist eher nervig [In Videospielen muss ich mich nie anstrengen, um in den nächsten Raum zu kommen, in den 360°-Museumsräumen hab ich mich schon öfter mal verlaufen…] und auch für Informationsvermittlung kann ich mir effektivere Methoden vorstellen. Klar – das Google Art Projekt sieht super aus – aber benutzt man das wirklich mehr als eins, zwei Mal zum Testen?

    Natürlich ist es nett, wenn man sich auf der Internetseite des Museums mal schnell einen Eindruck der Raumatmosphäre verschaffen kann – aber dafür muss man nicht zwangsläufig eine ganze Ausstellung nachbauen. Wenn es um die Verfügbarmachung von Informationen geht, ist eine einfach durchsuchbare Benutzeroberfläche vielleicht geeigneter. Wenn ich neue Zielgruppen für meine Thematik begeistern will, könnten die klassischen Schlagwörter „storyteling“ und „gamification“ zielführender sein. Natürlich schließt das eine das Andere nicht aus – aber mir ist zumindest noch kein überzeugendes Beispiel bekannt, indem ein „begehbarer“ digitaler Ausstellungsnachbau mit einer Geschichte oder einem Spiel verbunden wurde. Dies wäre – wenn auch spannend – bei konsequenter Umsetzung sicherlich sehr kostenaufwendig.

    Das ist größtenteils nicht neu und klingt wahrscheinlich sehr viel negativer, als ich es meine [da ich auch alle Pro-Argumente unterschlage ;-)]. Aber du weißt um meinem starken Hang zu Sinnfragen und verzeihst ihn so hoffentlich…

    Liebe Grüße
    Dorian

    1. Hi Dorian,
      danke für dein Feedback und den Kommentar ansich, den ich genau richtig verstehe. Diese Sinnfragen werde ich in Teil 2 kommende Woche und anhand weiterer Beispiele aufgreifen und versuchen, einige Pro-Argumente heraus zu arbeiten .-)
      LG, Sebastian

  3. […] Sebastian Hartmann haben im Moment nur 14 von 6000 Museen in Deutschland eine digitale Version, um das […]

  4. Hi, danke für die Info sammlung. Bin selber bildende Künstlerin und würd gern mangels echtem bezahlbarem Raum und weil ich Kataloge langweilig finde ein eigene virtuell begehbare Galerie für meine Kunden erschaffen. Wie gehe ich vor, wer hat sowas, an wen kann ich mich wenden?
    Danke für Tipps,
    die busybluebeene.

    1. hi,
      habe hier mal eine kunstaustellung im kugelpanorama erstellt http://tinyurl.com/p7uvlt . dabei kann man auch die gemaelde anklicken.
      gruesse,
      chris

  5. […] Source: Nur gucken, nicht anfassen. Von virtuellen Ausstellungshäusern und Online-Museen in Deutschland […]

  6. Hallo,
    schauen Sie auch einmal auf das „Virtuelle Museum für digitale Gestaltung“ (Google/YouTube)
    Auf Wunsch schreibe ich Ihnen mehr.
    Gruß Günter CLAUS

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