Wenn Hunde, Twitterer und Nackte ins Museum kommen. Weil Zielgruppenarbeit sich lohnt!

Wer geht eigentlich ins Museum? Gute Frage. Jeder, der schon mal im Museum war, kann sich darüber ein Bild machen. Es sind vor allem Senioren, Schulklassengruppen, vereinzelte Besucher und zum Teil kleinere Besuchergrüppchen, die durch die Ausstellungsräume ziehen. Jede dieser Zielgruppen hat eine spezielle Motivation ins Museum zu kommen. Meistens geht es um die ausgestellten Exponate, oft ist es aber auch ein spezielles Angebot, das ins Museum lockt – wie zum Beispiel Veranstaltungen oder museumspädagogische Angebote. So weit so gut. Gute Ausstellungen und Angebote für die Besucher stärkt die Zahlen, sichert Einnahmen und fördert vor allem die Resonanz und Akzeptanz in der Öffentlichkeit. Was ich in letzter Zeit erfreulicherweise festgestellt habe ist, dass immer mehr Museen sich auch auf Zielgruppenarbeit konzentrieren – und damit Erfolg haben. Sei es Führungen auf Gebärdensprache oder regionalen Dialekt, spezielle Angebote für Singles oder Paare, oder oder oder. Drei von solchen Angeboten möchte ich gerne hervorheben, weil ich sie für besonders gelungen halte. Es geht um Hunde und ihre Besitzer, Nutzer des sozialen Netzwerks Twitter und Nackte resp. Nudisten.

1. Doggy Day – Hund trifft auf Wolf. 

Ein großes Manko in fast allen Museen ist, dass der beste Freund des Menschen nicht in die Ausstellungen darf. Hunde sind meist nicht im Museum erlaubt, selten gibt es Möglichkeiten, den Hund irgendwo zu „parken“. Und das, obwohl bereits vor 10 Jahren in Deutschland knapp über 10 Millionen Menschen in einem Haushalt mit mindestens einem Hund lebten. Die Zahl ist sicherlich danach weiter angestiegen. Und nun kommt ein entscheidender Aspekt: Der Hund beeinflusst das Freizeitverhalten der Haushalte immens, oft müssen Herrchen und Frauchen mit ihrem Haustier planen.

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Doggy Day im Neanderthal Museum Mettmann. Foto: Facebook-Fanseite des Museums.

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Doggy Day im Neanderthal Museum Mettmann. Foto: Facebook-Fanseite des Museums.

Nun hat das Neanderthal Museum bereits mehrfach passend für diese Zielgruppe und passend zur aktuellen Wölfe-Ausstellung den „Doggy Day“, bei dem Hundebsitzer samt Tier durch die Ausstellung geführt werden, veranstaltet. Mit durchschlagener Resonanz, wie man dem Facebook-Fotoalbum entnehmen kann. Mit solchen Angeboten spricht ein Museum eine sehr breite Zielgruppe an, die vielleicht museumsinteressiert ist, oft aber nicht ins Museum kann, weil sie nicht wissen, was sie in der Zeit mit ihrem Hund machen sollen.

2. TweetUp – Twitterer trifft Realität😉

Auch wenn die Überschrift mit einem Zwinker-Smiley versehen ist, so ist es Fakt, das es deutschlandweit bislang nur wenige Museen und Ausstellungshäuser gibt, die spezielle Angebote für Nutzer sozialer Netzwerke wie Twitter oder Facebook gibt. Obwohl dies so nahe liegt, da viele Museen auf den Plattformen ja einen direkten Kontakt mit den interessierten Fans und Follower pflegen. Seit gut 1 1/2 Jahren gibt es sie nun, die TweetUps, MuseUps und KultUps von Bayern bis Berlin, von Frankfurt bis Hamburg. Spezielle Führungen im Museum für Smartphone-Junkies, die aus der Ausstellung ihre Eindrücke und gemachten Fotos an ihre Follower und mit Hashtags versehen twittern.

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KultUp im Historischen Museum Frankfurt. Foto: Historisches Museum Frankfurt

Die Zeit war und ist schon lange reif für TweetUps. Denn immer, wenn es um das Thema „Social Media“ geht, wird gefragt: „Wie viele Besucher bringt uns das mehr?“. Eine durchaus berechtigte Frage, die sich am besten beantworten lässt, wenn Museen explizite Angebote für jene Zielgruppe, denen sie sonst nur online begegnen, in das Programm aufnehmen. Daher bin ich Christian Gries, der für die ersten TweetUps in Deutschland verantwortlich ist, aber auch allen anderen Veranstaltern (ich habe zum Beispiel auch gerne die ersten KultUps in den Frankfurter Museen online verfolgt) dankbar, dass diese Veranstaltung stattfinden. Denn sie zeigen: Wenn Museen „virtuelle Freunde“ einladen, kommen diese auch. Aktuell zu beobachten im Rahmen der Social Media-Week Hamburg, bei der die Deichtorhallen und das Hamburg Museum zum TweetUp luden. Also: Es steckt noch viel Potential in diesem Veranstaltungsformat, gerade wenn man sich die Entwicklung von Fan- und Followerzahlen der deutschen Museen anschaut. Zudem reagieren die klassischen Medien mit extensiver Berichterstattung, was der Pressespiegel auf den Websites von den Tweetups und den KultUps zeigen.

3. Nudism – Nackte treffen Akte.

In den letzten Tagen erfuhr das Leopold Museum in Wien ein durchschlagendes Medien-Echo. In der Regionalpresse, in den Feuilletons der großen Zeitungen, auf den Online-Präsenzen der Kunst-Magazine und selbst bei Stefan Raab war es ein Thema: Das Museum öffnet seine Pforten zur aktuellen Sonderausstellung „Nackte Männer von 1800 bis heute“ für Nudisten. Genauer: Für männliche Nudisten. Neben Entrüstung und Unverständnis (warum auch immer…), gab es viel Lob für die Aktion. Zurecht: Denn wann haben Anhänger der Freikörperkultur schon einmal die Möglichkeit in der Öffentlichkeit ihrer Passion nachzugehen? Und dann noch im Museum? Natürlich lässt sich im Context des Ausstellungsthemas eine reine Marketing-Aktion vermuten. Doch es ist viel mehr als das, es veranschaulicht die Öffnung eines Museums für Zielgruppen, die dort nicht vermutet würden.

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Posting des Leopold Museums Wien zum Presseecho der Nudisten-Aktion

Wie das art-Magazin via „Bild des Tages“ online berichtete (Facebook hatte übrigens auf der Fanseite von art „Polizei gespielt“ und das Foto der Nudisten, das als Teaser fungierte, gelöscht), sei es laut Leopold Museum eben keine reine Marketing-Aktion gewesen, sondern eine logische Konsequenz auf vermehrte Anfragen. Und so kam es auch, dass über 300 unbekleidete Menschen in die Ausstellungsräume strömten. Das Ganze nach offiziellem Schalterschluss, sodass „Nicht-Nudisten“ bei ihrem Besuch nicht „gestört“ wurden. Die Mitarbeiter des Museums blieben bekleidet, das Museum zeigte mit der Aktion nicht nur Toleranz, Mut und Innovation, sondern vor allem Zielgruppen-gerechtes Denken.

Und genau darauf wird es in Zukunft bei den Museen ankommen, wenn man die so heiß geliebten „Nicht-Museumssbesucher“ und „neuen Zielgruppen“ ins Museum bekommen möchte.

7 Kommentare

  1. currywurstmuseum · · Antworten

    Tolle Ideen! Klasse Aktionen!

    Durch Kombination vielleicht noch steigerungsfähig, z. B. ein Tweetup für Nudisten-Hunde.😉

  2. Das ist ein weites Feld. Also die Zielgruppen, die man potentiell noch ins Museum ziehen kann😉 Die von dir genannte Steigerungsform gefällt mir🙂

  3. Daumen hoch für solche tollen Ideen und den Menschen in diesen Museen.
    Danke sagt Daniela

  4. Museum Burg Eisenhardt · · Antworten

    wenn die nackerten hundefreunde ein rostbratwürstle futtern. Man muß sich einfach was trauen!

  5. museumstraum · · Antworten

    Als Hundebesitzerin und Tweetup-Fan finde ich diese Aktionen natürlich auch toll.🙂 Und ich finde deinen Ansatz, dass Museen sich nicht scheuen sollten, auch (scheinbar) schwierigere Zielgruppen gezielt anzusprechen, sehr vielversprechend. Wenn die anvisierte Gruppe dann auch noch thematisch zur Ausstellung passt (wie speziell bei den Nudisten) kann da ein spannendes Zwischenspiel entstehen!

  6. Wenn manche Museen ihr bescheuertes Photographierverbot aufheben, ist automatisch jeder Tag Twittertag.

  7. Ich bin auch kein Freund von Fotografierverbot. In Vielen ist es auch erlaubt. Doch oft sind es Leihgeber und Bild-Agenturen, die es untersagen. Da können Museen relativ wenig machen.. Leider. Aber jeden Tag „Twittertag“ fände ich auch gut😉

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